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Evangelische Jugend

Rückkehr zum politischen Engagement

In der Evangelischen Jugend in Bayern zeichnet sich eine Trendwende ab. Nach Jahren, in denen Themen wie Spiritualität oder Lebensstil im Mittelpunkt standen, scheint jetzt das gesellschaftlich-politische Engagement früherer Tage zurückzukehren. Bei einer Tagung von rund 170 evangelischen Jugendreferenten und -referentinnen in Pappenheim wurde deutlich, wohin derzeit die Entwicklung geht: Kritik am Neoliberalismus steht auf der Tagesordnung. Über Bündnisse mit den Globalisierungskritikern von Attac und anderen Protestbewegungen wird nachgedacht.

Der Sprecher der bayerischen Jugendreferenten, der Coburger Jugendarbeiter Jörg Schröder, träumt sich schon an die Anfänge der Friedensbewegung zurück: Aus anfangs kaum wahrgenommenen Grüppchen wurde eine Massenbewegung. Warum also heute nicht wieder?

Auslöser solcher Überlegungen ist das Erschrecken über die zunehmende Gewaltbereitschaft Jugendlicher und ihr Abgleiten in rechtsradikale Milieus. Auch die Offenen Jugendtreffs der Kirche bekommen das zu spüren. Von rüden Revierkämpfen erzählt eine Nürnberger Jugendarbeiterin: "Manche Jugendliche haben schon Angst, bestimmte Plätze zu betreten."

Aus einem kirchlichen Sozialprojekt in Oberfranken wurden zwei der acht beteiligten Jugendlichen von der Polizei einkassiert: der eine wegen Erpressung, der andere wegen einer Disco-Schlägerei. Jeder Jugendarbeiter kann Geschichten von Jugendlichen erzählen, die glauben, nur mit der Faust etwas zu gelten. "Die Situation kippt, die Gewaltbereiten sind keine Randgruppe mehr", fürchtet Schröder. Immer mehr Jugendliche fühlten sich als Verlierer, wollten es aber nicht sein. Der Ausweg sei dann fast schon normal: "Am Samstag ist Aufmischen angesagt."

Schon müssen die evangelischen Jugendverbände befürchten, dass ihre rund 11000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meist nur wenig älter sind als die Betreuten, sich der Offenen Jugendarbeit nicht mehr gewachsen fühlen. Im Mitarbeiterhandbuch nehmen Ratschläge zum Umgang mit Gewalt von Jahr zu Jahr mehr Seiten ein. Gewalt ist Schulungsthema Nummer eins geworden.

Doch nur die Schläger an den Pranger zu stellen, davon halten die Jugendarbeiter nichts. "Wir müssen uns mit der strukturellen Gewalt beschäftigen, die von unserer Gesellschaft ausgeht", verlangt Schröder. Er meint die schlechten Bildungschancen für Kinder aus sozial schwachen Familien, die Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt und die Drohgebärden und Machtdemonstrationen als Mittel internationaler Politik. Ist die Globalisierung der Motor der Rücksichtslosigkeit?

"Wir müssen wieder begreifen lernen, welche gesellschaftlichen Bedingungen die Verlierer zu Verlierern gemacht haben", sagt Christina Frey-Scholz vom Evangelischen Amt für Jugendarbeit in Nürnberg. "Vielleicht haben wir uns ja zu lange schlafend gestellt." Das Thema für das nächste Treffen der Jugendreferenten steht für sie jedenfalls schon fest. Es soll lauten: "Schluss mit lustig - das Ende der Spaßgesellschaft".

Peter Reindl


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