MEDIEN-KOLUMNE
Programm-Merkmal Predigt
von Johanna Haberer
Eine Generation tritt ab. Dieses Gefühl beschlich unabweisbar die jüngst zum Abschied des langjährigen BR-Intendanten Albert Scharf Geladenen. Da hat zum Jahreswechsel ein Kapitän die Kommandobrücke verlassen, dessen Wertvorstellungen in einem moralisch und militärisch zerstörten Deutschland gewachsen sind und der diese Erfahrung in der Klarheit seiner Überzeugungen verkörpert.
Ein Mann, der gegen alle Zeitströmungen den Medien mehr zutraut als nur billige Unterhaltung, der auf Kultur setzt und Bildung, auf Heimatgefühl und seriöse Information.
Ein Intendant verantwortet die Generallinie seines Senders. Er ist dem Rundfunkrat für das gesamte Programm verantwortlich. Insofern prägt der Intendant einen Sender - durch seine Richtlinienkompetenz und vor allem durch seine Person.
Und so trägt der Bayerische Rundfunk das Profil seines Intendanten. Er ist konservativ, seriös und nah an den Menschen, dabei aber nicht heimattümelnd und in der politischen Berichterstattung - besonders im Hörfunk - journalistisch distanziert gegenüber den Parteien.
Unter der Ägide Scharfs wurde die Infowelle Bayern 5 für den Hörfunk eingeführt, die Ausstattung von Bayern 2 Kultur und Bayern 4 Klassik erhalten, Bayern 1 rundumerneuert und der Bildungskanal BR alpha im Fernsehen gegründet.
Besonders klar und eindrücklich hat sich Albert Scharf gegenüber dem Thema Religion und Kirche in seinem Sender verhalten. In anderen ARD-Anstalten sind in den vergangenen Jahrzehnten die Morgenfeiern und Gottesdienstübertragungen vom Massenprogramm in die Nische des Kulturprogramms gerückt und werden dort von etwa 60-80 Tausend Hörern wahrgenommen; der Bayerische Rundfunk indessen hat die evangelische und die katholische Morgenfeier trotz Programmreform im Massenprogramm Bayern 1 erhalten und kann dort bis heute mit über 700000 Zuhörern rechnen.
Ebenso haben sich die Gottesdienstübertragungen im bayerischen Fernsehen eher vermehrt als verringert und werden durch meditative Sendungen zu den Feiertagen ergänzt.
Solche Programmentscheidungen zugunsten der kulturellen Bedeutung der Religion sind keineswegs zeitgemäß. Natürlich gab es Stimmen, die vor einigen Jahren die wirklich vollständige "Formatierung" des bayerischen Lieblingsprogramms BR1 forderten. Soll heißen: Die Wortbeiträge dürfen in der Regel nicht über zweieinhalb Minuten dauern. Der Rest ist "Musikteppich". Die christlichen Morgenfeiern mit ihren Wortanteilen von über 20 Minuten wären dann auf den frühen Morgen oder in ein anderes Programm gerutscht.
Es war der Intendant, der die mediale Predigt als ein profiliertes Programm-Merkmal am Sonntag einordnete. Und der Erfolg gibt ihm Recht. Die christliche Botschaft ist in Bayern nach wie vor prominent vertreten: Es ist den Menschen zu wünschen, dass das so bleibt.
Johanna Haberer
Johanna Haberer beobachtet in einer monatlichen Kolumne die Medienlandschaft. Die Autorin, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, hat die Professur für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen inne.
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