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Sonntagsblatt-Serie (Leserfrage): Die Bibel verstehen (10)

Die Urgeschichte: Grundwahrheiten des Lebens (2.Teil)

Beide Erzählstränge sind ineinander verwoben und zu einer gemeinsamen Komposition geworden. Es geht der ganzen Komposition nicht um eine korrekte historische Darstellung des Verlaufes der frühen Weltgeschichte. Ein Interesse an chronologisch richtiger Darstellung relevanter Ereignisse im Sinne unseres heutigen Geschichtsverständnisses bestand zu jener Zeit überhaupt noch nicht. Die Urgeschichte beschreibt vielmehr in eindringlicher Weise die Grundstrukturen dieser Welt, der Menschen und ihrer Geschichte: Der paradiesische Urzustand von Gottesnähe, Schamlosigkeit und Sündlosigkeit lässt sich nicht halten; der Mensch wird zwangsläufig aus dem Paradies vertrieben und muss "im Schweiße seines Angesichtes" (Gen 3,19) sein Brot verdienen und "unter Mühen" Kinder gebären (Gen 3,16) - eine Erklärung für die schweren, harten Seiten des Lebens! Die Eskalation des Bösen im Brudermord und in der Sintflutgeschichte sind Beschreibungen von der Bosheit des Menschen, zugleich aber von der Möglichkeit, gerettet und bewahrt zu werden. Die Erzählung vom Turmbau zu Babel illustriert menschliche Hybris und das Bedürfnis, sich einen Namen zu machen (Gen 11,4).

Die priesterschriftliche Schöpfungserzählung (Gen 1) ist ebenfalls keine biologische Weltentstehungstheorie, sondern ein Loblied auf Gott, der die Welt in seiner Weisheit "sehr gut" geordnet und ihr Rhythmen und Ordnungen (z.B. das Gebot der Sabbatruhe) gegeben hat. Auch eine gewisse Polemik der monotheistischen Religion Israels gegen die vielen Götter Babylons lässt sich darin lesen: Während die Babylonier etwa die Gestirne wie Götter verehrten und der Astrologie in ihrem Leben eine wichtige, schicksalbestimmende Rolle einräumten, schrieben die Israeliten im Exil ihr Schöpfungslied, in dem es heißt, dass der eine Gott die Gestirne wie Lampen an den Himmel gehängt habe (vgl. Gen 1,16).

Sicherlich war ein solcher Satz für babylonische Ohren eine Provokation. So diente die priesterschriftliche Urgeschichte auch dazu, dass die Israeliten im Exil sich ihrer gemeinsamen Identität besinnen und gegen die Vielgötterei der Babylonier abgrenzen sollten.

Wie vieles andere in der Urgeschichte sind auch die Namen der ersten Menschen "Adam" (das heißt der "Erdling", der aus der Erde hervorgegangene Erdenmensch) und "Eva" (die Lebendige, Lebende) höchst symbolisch: Wir sind als Männer und Frauen Teile der Schöpfung, eingebunden ins Leben dieser Erde. Wir sind in diesem Leben auf Gott bezogen, immer aber auch in Gefahr, seine Nähe zu verlieren. Diese Spannung von Bezogensein auf Gott und Herausfallen aus der Beziehung zu ihm ist eine Grundspannung, in der auch wir modernen Menschen uns immer wieder erleben. Insofern ist die biblische Urgeschichte eine faszinierende Beschreibung menschlicher Existenz - sicher nicht wörtlich zu verstehen, aber doch beim Wort zu nehmen.

Ulrike Aldebert


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