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MEDIEN-KOLUMNE

Konjunktur der Religion

von Johanna Haberer

Vielleicht gehört es ja zum Profil einer christlichen Kultur, dass man Katastrophen nicht demütig als Schicksalsschläge hinnimmt, sondern versucht, aus ihnen zu lernen, um am Ende auch aus dem Schlimmsten eine Art Lehre zu ziehen.

Die Terroranschläge in den USA jedenfalls haben dieses Land nachdenklicher gemacht. Sie haben den Diskurs über das Wertesystem im Abendland wieder belebt, nachdem sich diese Gesellschaft schon mit der so genannten Spaßkultur zufrieden zu geben schien. In seiner denkwürdigen Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels hat Jürgen Habermas den Reigen eröffnet im Nachdenken über die Religion und welchen Wert sie für eine Kultur hat.

Und die Weihnachtsausgaben der großen überregionalen Zeitungen hätten von der kirchlichen Presse nicht frömmer gestaltet werden könnten: Die Bild-Zeitung bejubelte den Run auf die Kirchen und beklagte den Pfarrermangel, die Süddeutsche beschäftigte sich besorgt mit der Frage, warum so viele Geistliche am "Burn Out"-Syndrom leiden, und der vormalige deutsche Kulturminister Michael Naumann beklagte auf der ersten Seite der Zeit unter dem Titel "Der Gott, der uns fehlt" die Beliebigkeit der religiösen Rede in Deutschland. Den Kirchen wurde vielerorts eine Schärfung ihres theologischen Profils und eine Stärkung ihrer gesellschaftlichen Rolle attestiert, ja man scheute ebenfalls in der Zeit nicht davor zurück, in einer Mischung aus Staunen und Bewunderung die "Shelter Now"-Mitarbeiterin Kati Jelinek zu Wort kommen zu lassen, die unverhohlen von den Heilungs- und Rettungswundern spricht, die ihr in Afghanistan und auch sonst in ihrem Leben widerfahren sind.

Selbst der Spiegel, der sich zu Weihnachten immer gern der Demontage christlichen Gedankenguts widmete, gab sich zum Jahreswechsel besinnlich und machte sich konstruktiv auf die Spurensuche nach dem "Glauben der Ungläubigen".

Man konnte in diesem Jahr an Weihnachten die Selbstbesinnung einer Kultur beobachten und die geistige Herausforderung spüren, die es bedeutet, wenn eine Gesellschaft neu formulieren muss, woran man glaubt und worauf man sich in einer Art gesellschaftlichem Wertekanon verständigen kann.

Es hat gut getan, dies zu beobachten, und wir Christen täten unsererseits gut daran, in unseren kleinen gesellschaftlichen Diskursen ebenfalls Farbe zu bekennen.

Johanna Haberer beobachtet in einer monatlichen Kolumne die Medienlandschaft. Die Autorin, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, hat die Professur für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen inne.


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