Sonntagsblatt-Serie (Leserfrage): Die Bibel verstehen
Wo Jesus geboren ist: Bethlehem oder Nazareth?
"Wie verhält es sich mit dem Geburtsort Jesu? Im Erwachsenenkatechismus habe ich gelesen, Jesus sei "wahrscheinlich" in Nazareth geboren. Eine ganze Reihe biblischer Geschichten müsste demzufolge als Legende bezeichnet werden, obwohl Matthäus und Lukas eindeutig von Bethlehem reden. Kann es sein, dass die Geschichten erfunden sind?"
Frau E. H. aus D.
Nichts an der vertrauten Weihnachtsgeschichte ist erfunden, nichts ist erdichtet. Wohl aber verdichten die Evangelisten das, was sie "mit dem Herzen gut sehen", zur poesievollen Erzählung. Zum Vergleich ein Beispiel aus der Musik."
Ouvertüren entstehen immer ganz zuletzt, wenn der Komponist den Überblick über sein Werk hat. Als verdichtete Fassungen des Ganzen werden sie nach vorne gerückt. So klingt schon am Anfang an, was hernach zur Sprache kommt. Die Weihnachtsgeschichte des Lukas enthält als "Ouvertüre" alle Motive des Leidens Jesu, als Leitmotiv dennoch das lukanische Thema von der "Freude Gottes".
Die Welt, in die Jesus geboren wird, ist durcheinander, "alle Welt" macht sich auf, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Das ist nicht historisch: Das ist typisch Welt. Geld regiert die Welt und lässt sie rotieren. Ein Kind ist unterwegs. Ehe Maria mit dem Kind niederkommt, ist es so heruntergekommen, dass es sich gemein macht mit den Leuten von der Straße. Es ist unterwegs wie Gott einst mit dem wandernden Gottesvolk auf dem Weg durch die Wüste. Das ist nicht historisch. Das ist typisch Gott. Der Glaube an den mitgehenden, heimatlosen Gott ist in die Erzählung gefasst, dass sie "keinen Raum in der Herberge" hatten.
Im Stall gebiert Maria ihren ersten Sohn. Auch hernach geht es wenig idyllisch zu. Da schläft kein "lockiger Knabe in himmlischer Ruh", und nicht "in reinlichen Windeln". Auf sticheligem Heu und Stroh liegt er, den später die Dornenkrone sticht. Bald werden die Maler Ochs und Esel aus dem Buch des Jesaja entlehnen: "Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel kennt's nicht und mein Volk vernimmt's nicht." Das ist nicht logisch. Das ist theologisch.
Nach dieser Logik wird Jesus aus Nazareth, nicht wie der Name vermuten lässt, in Nazareth, sondern in Bethlehem, "der kleinen Stadt" geboren. Wie so oft in der Bibel sind geografische Angaben theologische Aussagen, folgen also der anderen Logik Gottes, hier der Logik, dass seine "Kraft in den Schwachen mächtig" ist. Bethlehem ist die Stadt Davids. Dass Jesus da geboren ist, will sagen, dass er in der Tradition des Königs steht, Gesalbter ist, der Gesalbte schlechthin, der "Neue Messias".
Gleicher Logik folgt, dass "Hirten in der Gegend auf dem Felde" waren. Sie gelten als "letzte Menschen". Ausgerechnet sie sehen die "Klarheit des Herrn", hören das "Gloria in excelsis", haben Teil an der Menschwerdung Gottes und erfahren die eigene Menschwerdung. Von "letzten Menschen" werden sie zu ersten und kommen in den Genuss der Freude, die Gott an verlorenen und wiedergefundenen Groschen und Schafen, Töchtern und Söhnen hat.
Matthäus erzählt kürzer, aber nicht weniger profiliert. Ihm ist daran gelegen, Jesus als "Neuen Mose" zu preisen. Dramatische Umstände bei der Geburt des einen wie des anderen. Da das Körbchen im Nil, dort die Krippe im Stall. "Aus Ägypten gerufen" der eine wie der andere. Vom "Berg" bringt Mose das "Gesetz", vom "Berg" predigt Jesus das Gebot der Liebe.
Die Weihnachtsgeschichte ist nicht logisch. Sie ist theologisch. Sie ist Glauben, der nicht zum Dogma geronnen ist, aber zur Erzählung verdichtet ist und zum liebevollen Nacherzählen einlä
Rainer Gollwitzer
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