Sonntagsblatt-Serie: Die Bibel verstehen (5)
Paulus und die Frauen: Theologischer Biologismus?
"Ausgerechnet in einem neutestamentlichen Brief, der den Namen des Apostels Paulus trägt, im 1. Timotheusbrief, Kapitel 2, Vers 15, steht über die Frau geschrieben: 'Sie aber wird selig werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt.' Kinder zu gebären ist zweifellos eine wichtige, eine achtenswerte, oft leider eine schmerzvolle und schwierige Arbeit. Aber kann man durch sie selig werden?
Rainer M. aus K.

"Drei Frauen am Grab", Nürnberger Lorenzkirche (Foto: Lagois)
Der echte, der historische Paulus hätte einen solchen Satz nicht schreiben können. Für Paulus hängt die Rettung des Menschen, seine Seligkeit, einzig und allein vom Glauben an Christus ab und nicht von menschlichen Werken, zu denen doch wohl auch Geburten zählen.
Der 1.Timotheusbrief gehört denn auch in der neutestamentlichen Forschung seit geraumer Zeit nicht mehr zu den Paulusbriefen, die für »echt« gehalten werden. Aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Kriterien herrscht bei den Neutestamentlern eine weitgehende Übereinstimmung darüber, dass zwischen echten und unechten Paulusbriefen zu unterscheiden ist. Als »echt«, das heißt als wirklich vom Apostel Paulus verfasst, gelten der 1. Thessalonicherbrief, der 1. und 2. Korintherbrief, der Philemon-, der Philipper-, der Galaterbrief und natürlich der Römerbrief. Dagegen sind der 2. Thessalonicher-, der Kolosser-, der Epheser-, der 1. und 2. Timotheusbrief und der Titusbrief aller Wahrscheinlichkeit nach zu unterschiedlichen Zeiten von verschiedenen Schülern des Apostels Paulus sozusagen in seinem Windschatten verfasst worden.
Der moderne Gedanke, dass es sich deshalb um Fälschungen handeln könnte, ist schon deshalb unangebracht, weil die Antike unseren Begriff des geistigen Eigentums noch nicht kannte. Aber zurück zu unserer Stelle im 1. Timotheusbrief, der von einem Paulusschüler der zweiten Generation verfasst sein dürfte.
Dass der Autor von paulinischer Theologie herkommt, merkt man am Nachsatz, in dem der Glaube zumindest erwähnt wird: »Sie wird aber selig werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie - die Kinder - mit Besonnenheit im Glauben bleiben und in der Liebe und in der Heiligung.«
Kein theologischer Biologismus also, sondern die Anweisung an die Frau, die Kinder, die sie geboren hat, auch christlich zu erziehen. Dagegen ist natürlich gar nichts einzuwenden - wenn alles nur nicht wie eine Art von Ersatzheilsweg für Frauen klänge. Dieser Gedanke kann sich einstellen, wenn man auf die Zurücksetzung der Frau im Umfeld unseres Verses achtet. 1.Timotheus 2,15 ist der Schluss einer Anweisungsreihe für Männer und Frauen in der Gemeinde, die in 1. Timotheus 2,8 beginnt. Die Männer werden nur mit einer Mahnung bedacht, während die übrigen Verse an Frauen adressiert sind. Sie werden zur Unauffälligkeit (in der Kleidung), zur Unterordnung unter die Männer und zur Stille ermahnt.
Vers 12 enthält ein ausdrückliches Lehrverbot für Frauen, das an den Spitzensatz im (unpaulinischen!) Einschub in 1. Korinther 14,33b-36 erinnert: »Das Weib schweige in der Gemeinde.«
Zweifellos zeigt sich auch an solchen Äußerungen, wie stark christlicher Glaube in die jeweils herrschenden gesellschaftlichen Normen eingebunden und von ihnen bestimmt sein kann. Das gilt, auch wenn in unserem Abschnitt die Zurücksetzung der Frau »religiös« begründet wird - durch einen Verweis auf 1. Mose 2,20f und 1. Mose 3,6: Schließlich sei ja der Mann zuerst geschaffen und nicht Eva, nicht Adam sei verführt worden, Eva habe sich zur Übertretung verführen lassen (Verse 13f). Es ist aber auch noch ein anderer Zusammenhang zu berücksichtigen. Er vermag vielleicht sogar ein gewisses Verständnis für die Aussage von 1. Timotheus 2,15 zu wecken. An vielen Stellen des Briefes wird deutlich, dass sich der Verfasser gegen eine Verfälschung des Glaubens wehren muss.
In 1. Timotheus 4,3 heißt es zum Beispiel: »Sie - die Verfälscher des christlichen Glaubens - gebieten, nicht zu heiraten und Speisen zu meiden, die Gott geschaffen hat, dass sie mit Danksagung empfangen werden von den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen.«
Im Zusammenhang mit dem Heiratsverbot und der Forderung von sexueller Askese erscheint 1. Timotheus 2,15 noch in einem anderen Licht. Kinder zu empfangen und zu gebären, ist im skizzierten Umfeld auch als Protest gegen eine gesetzlich-asketische Entartung des christlichen Glaubens zu verstehen.
In paulinischer Klarheit formuliert der Verfasser in 1. Timotheus 4,4 die Position christlicher Freiheit gegenüber den Forderungen von sexueller und von Nahrungsaskese: "Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird."
Heinz-Dieter Knigge
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