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Kirchen im geteilten Deutschland

Kommentar von Hans-Jürgen Röder

Für Wolfgang Schäuble war es keine Frage: Wer im Osten keine Verwandten hatte, aber Kontakte dorthin suchte, musste nur zur evangelischen Kirche gehen. Ihr Netz an Beziehungen zwischen den Menschen im geteilten Deutschland war so dicht wie kein anderes. Und darum nutzte auch die Bonner Politik gern die Kirchen, um sich über die DDR-Situation zu informieren, unterstrich der CDU-Spitzenmann auf einer zeitgeschichtlichen Fachtagung in Berlin.

Was auf diesem Wege zum Zusammenhalt der Deutschen in Ost und West beigetragen wurde, ist in den gut elf Jahren seit der deutschen Wiedervereinigung häufig gewürdigt worden. Weithin bekannt ist auch, was durch kirchliche Kontakte und Vermittlungen an humanitärer Hilfe geleistet wurde. Und selbst der Beitrag der evangelischen Kirchen zur friedlichen Revolution im Herbst 1989 und zur politischen Neuordnung wird längst auch von Zeitzeugen anerkannt, die sonst mit Kirche nichts am Hut haben.

Dennoch ist das Bild, das von den Kirchen seit zehn Jahren in den Medien und wissenschaftlichen Beiträgen gezeichnet wird, von anderen Erfahrungen bestimmt. Vorherrschend sind Stasi-Verstrickungen kirchlicher Mitarbeiter, aber auch Erfahrungen von Zeitgenossen, denen das politische Engagement der Kirchen nie weit genug ging. Und besonders in Westdeutschland musste der kirchenpolitische Weg einer »Kirche im Sozialismus«, den der DDR-Kirchenbund seit seiner Gründung 1969 verfolgt hatte, wiederholt als Beleg für eine SED-hörige Kirche herhalten.

Angesichts solcher Verzerrungen beschloss der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Ende 1996 ein auf fünf Jahre begrenztes Forschungsprojekt über die Rolle der Kirche im geteilten Deutschland. Die Veröffentlichung der Studien ist im nächsten Jahr geplant.

Viel Neues war bei der Vorstellung der einzelnen Forschungsergebnisse allerdings nicht zu hören: Das Thema Wiedervereinigung war in den Kirchen spätestens seit dem Mauerbau weithin tabu, um die Handlungs- und Begegnungsmöglichkeiten nicht zu gefährden, hieß es. Und: Trotz der "besonderen Gemeinschaft", zu der sich EKD und Kirchenbund bekannten, trafen bei der Wiedervereinigung zwei sehr unterschiedliche Kirchen aufeinander.

Auf mehr Interesse stieß, was über gesellschaftspolitisches Engagement von Christen und Kirchen in Deutschland von 1980 bis 1993 oder zu den Verfassungsreformen von EKD und DDR-Kirchenbund in den 70er- und 80er-Jahren zu hören war.

An Forschungsbedarf ist weiterhin kein Mangel. Der Münsteraner Zeitgeschichtler Martin Greschat erklärte, mit dem Forschungsprojekt sei die Arbeit über die Rolle der evangelischen Kirchen im geteilten Deutschland noch lange nicht erledigt: "Hier stehen wir unübersehbar erst am Anfang."


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