MEDIEN-KOLUMNE
Politische Farbenspiele
Man kann es als Fernsehzuschauer zunächst gar nicht begreifen, warum jedesmal, wenn in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender eine Intendantenwahl bevorsteht, ein Personalgerangel anhebt, das kaum einer der Kandidaten (Kandidatinnen sind in den Leitungsjobs der Anstalten rar) unbeschadet übersteht.
Die Wahl des künftigen Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Thomas Gruber, war ebenso von Parteiengezänk begleitet, wie die in der kommenden Woche bevorstehende Wahl des neuen ZDF-Intendanten.
Im Fall des Bayerischen Rundfunks hatte sich der Streit CSU-intern abgespielt: Ministerpräsident Edmund Stoiber wollte den amtierenden Programmdirektor Gerhard Fuchs, Alois Glück, Fraktionsvorsitzender der CSU-Landtagsfraktion, wollte einen anderen.
Und um scheinbar nichts anderes als um politische Farben und Richtungen geht es auch bei der Wahl des Nachfolgers des langjährigen ZDF-Intendanten Dieter Stolte.
Der Streit um Personen gilt als ein Streit um Richtungen: konservativ oder rötlich, CDU-nah oder SPD-hörig. Selten allerdings wird die Frage gestellt, ob der Kandidat Kreativität zulassen kann, widerstreitende Persönlichkeiten in einem Sender integrieren kann und vor allem wird bei den Parteien nicht gefragt, ob der Kandidat (oder auch die Kandidatin) soviel Rückgrat hat, die Redaktionen vor den ins Programm regierenden Parteien zu schützen, zu deutsch: die Rundfunkfreiheit zu bewahren. Denn was uns Zuschauer interessiert, ist nicht die Frage, welches Parteibuch ein Programmdirektor oder Intendant hat, sondern, ob wir umfassend und kritisch - jeder Partei gegenüber - informiert werden.
Die Rundfunkräte wählen den Intendanten. Dieses Gremium setzt sich zusammen aus Vertretern und Vertreterinnen aller gesellschaftlichen Gruppen: Sportverbände, Volkshochschulen, Theatervertreter, Gewerkschaften und - auch den Kirchen.
Natürlich haben die Parteien als Repräsentanten der gesellschaftlichen Mehrheiten ein Interesse daran, in ihrem Sinne Einfluss zu nehmen auf die Besetzung solch einflussreicher Posten wie den eines Intendanten.
Aber sie müssen von den anderen gesellschaftlichen Gruppen im Zaum gehalten werden, wenn sie der Versuchung erliegen, nicht nach Qualität, sondern nach Regierungsnähe zu votieren.
Gerade die evangelische Rundfunkpolitik hat sich immer für die Freiheit des Rundfunks engagiert und gegen die Einflussnahme von Parteien aufs Programm.
Und es ist überfällig, diese Haltung wieder deutlicher zu profilieren. Denn kommerzielle Rundfunkveranstalter wie SAT.1 und RTL sind schon lange zum Gegenangriff angetreten, wenn man ihnen die Abhängigkeit von der Werbung vorhält. Sie antworten: Wir sind zwar abhängig vom Geld, aber bei uns regieren die Parteiinteressen nicht ins Programm.
Es wäre doch einmal eine überraschend neue Wendung, wenn nächste Woche die Parteien einen Intendanten mitwählen würden, von dem alle wissen, dass er ihnen nicht nach dem Munde redet.
Johanna Haberer
Johanna Haberer beobachtet in einer monatlichen Kolumne die Medienlandschaft. Die Autorin, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, hat die Professur für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen inne.
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