Leserfrage - Rainer Gollwitzer antwortet
Das Ende der Gewaltspirale
Was meint Jesus, wenn er sagt: "Ihr sollt dem Übel nicht widerstehen"?
"Angesichts der Terroranschläge in den USA beschäftigt mich wieder ein Bibelwort, das mir bisher in einem langen Leben noch niemand schlüssig erklären konnte: Matthäus 5,39-40 (parallel Lukas 6,29-30): 'Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.'"
Frau I.C.S. aus M.
Auch diesmal ist allenfalls eine Andeutung von "Schlüssigkeit" zu bekommen. Vermutlich hat Jesus das Wort von der "hingehaltenen anderen Backe" aus einem konkreten Anlass einem konkreten Menschen gesagt. Nur - wir kennen den ursprünglichen Zusammenhang dieses Wortes nicht mehr. Wir haben es im Zusammenhang anderer Jesusworte vorliegen, wie sie Matthäus in seiner Bergpredigt und Lukas in seiner Feldrede zusammengestellt hat. Losgelöst von der Ursprungssituation kam es in den christlichen Verhaltenskodex und hat damit die 2000-jährige Geschichte einer totalen ethischen Überforderung ausgelöst. Sicher ist nicht gemeint, dass wir alle zu Märtyrern werden sollen.
Jesus formuliert gelegentlich grotesk. "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme." Man muss sich das bildlich vorstellen. Grotesk! "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes." Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung pflügen. Grotesk! Immerhin ist die Tendenz dieser Worte klar. Mit der Groteske von der "anderen Backe" empfiehlt Jesus, gewaltlos zu leben. Dabei ist seine Gewaltlosigkeit nicht Schwäche, sondern erfordert einige Stärke. Jesus lebt eine entwaffnende Wehrlosigkeit vor, wenn er etwa von einem der Kriegsknechte geschlagen wird und fragt: "Was schlägst du mich?" Logischerweise bekommt er keine Antwort. Es gibt keinen vernünftigen Grund, einen Menschen zu schlagen.
Der Verzicht des Geschlagenen auf den Gegenschlag sagt: "Ich drehe nicht mit an der Spirale der Gewalt". So ergibt sich zumindest der Hauch einer Chance, dass der Schläger, von der Gewaltlosigkeit seines Opfers beeindruckt, zu schlagen aufhört und die Brücke zur Verständigung betritt.
Nun ist dies ein Beispiel aus dem Individuellen. Und es drängt sich in der Tat die Frage auf, ob die Logik des Wortes von der "anderen Backe" auch im Verhältnis zwischen Gruppen und Völkern, mithin im aktuellen politischen Zusammenhang gilt. Es ist oft genug betont worden, dass sich die Welt nicht mit der Bergpredigt regieren lässt. Andererseits täten die Regierenden gut daran, sie zur "Einsichtnahme" auf ihre Schreibtische zu legen.
Natürlich wäre es grotesk, dem Terrorismus auch "die andere Backe hinzuhalten". Aber die Tendenz der Groteske ist wichtig: eben nicht an der Spirale der Gewalt wei-terdrehen oder sie gar zum Rotieren bringen. "Einsicht nehmen" in die Ursachen des Terrorismus. Dem weiteren Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich wehren. Die weitere Polarisierung der Welt verhindern. Die armen Länder entschulden. Das Gespräch zwischen den Kulturen pflegen. Der eigenen Verherrlichung der eigenen Gewalttätigkeit Einhalt gebieten. Das biblische Maß anlegen.
"Nicht dem Übel widerstreben": Gewalt nicht mit Mitteln der Gewalt "bekämpfen", sondern sie "überwinden mit Gutem". Diese "Groteske" fragt eindringlich, ob sie wirklich "nur grotesk" ist.
Rainer Gollwitzer
Nächster Artikel