Sonntagsblatt-Sprechstunde
Die "dunklen Seiten" fehlten
"Neulich war ich bei der Beerdigung einer mir nahe stehenden Frau. Ich mochte sie gerade wegen ihres eher widersprüchlichen und manchmal etwas schwierigen, auf jeden Fall interessanten Charakters. Davon war bei der Ansprache des Pfarrers leider nichts zu spüren. Da war sie sanft und gut und nur liebevoll, was einfach glatt gelogen ist. OK, er kannte sie wahrscheinlich gar nicht, war also auf die Aussagen ihrer Tochter angewiesen, die nie etwas mit ihrem wirklichen Wesen anfangen konnte.
Trotzdem, diese Lügerei ging mir so auf die Nerven, dass ich mich gar nicht wirklich verabschieden konnte und zum Schluss sogar gewünscht habe, ich wäre gar nicht zur Beerdigung gekommen ... " (Frau F.)
Einerseits verstehe ich sehr gut, was Sie meinen, und bemühe mich bei den Beerdigungen, die ich halte, immer sehr darum, den Wesenskern dessen, der gegangen ist, noch einmal aufscheinen zu lassen. Dazu gehört dann eben auch, die Schwächen oder Schwierigkeiten zu erwähnen, die das Leben des oder der Verstorbenen ausgemacht haben. Wenn es gutgeht und die Hinterbliebenen schon ein wenig ausgesöhnt sind, können sie dann mit einem Schmunzeln daran zurückdenken. Im anderen Fall bleibt es der Vergebung Gottes und der Angehörigen anheimgestellt. In beiden Fällen, das ist zumindest meine Erfahrung, tut das Aussprechen der dunklen Seiten aber meistens wohl und hilft zur Aussöhnung.
Andererseits kenne ich aber auch das Dilemma, auf die Aussagen der Angehörigen angewiesen zu sein, weil ich den oder die Verstorbene(n) nicht persönlich kennengelernt habe. Ich erinnere mich auch an Trauergespräche, wo ich ganz deutlich das Gefühl hatte, dass hinter dem so positiv Erzählten noch eine andere wichtige Seite war, die aber auch auf Nachfrage deutlich und manchmal aggressiv verneint wurde. Dann blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf das zu beziehen, was ich erfahren konnte. Meist habe ich in solchen Fällen ausdrücklich in der Ansprache erwähnt, dass meine Informationen ausschließlich aus dem Gespräch stammen und keine eigenen Erfahrungen sind. Für mich hat dann Priorität, dass die Trauerfeier für die Hinterbliebenen tröstlich, hilfreich, lebensdienlich ist, selbst wenn ich der Meinung bin, dass das Erkennen und gegebenenfalls Aussprechen der dunklen Seite eines Menschen oder einer Beziehung mit zu der Wahrheit gehört, die frei macht (Joh 8,32).
Ich maße mir dann, vielleicht wie der Kollege, den Sie erlebt haben, nicht an, Richterin zu sein und Dinge auszusprechen, von denen die Angehörigen möchten, dass sie unausgesprochen bleiben.
Wenn Sie nun aber ganz unzufrieden sind mit diesem Abschied, dann können Sie sich doch auf Ihre ganz eigene Art von Ihrer Bekannten verabschieden. Sie könnten zum Beispiel entweder zu ihrem Grab gehen oder sich in Ihrer Wohnung eine Kerze anzünden und vielleicht ein Bild von ihr hinstellen. Dann könnten Sie noch einmal von dem erzählen, was Sie gemeinsam erlebt haben, könnten ihr danken für Gelungenes, könnten auch erwähnen, was offen blieb oder Sie beschwert hat. Vielleicht wollen Sie dann noch ein wenig Stille halten und sich überlegen, wie es wohl anders herum Ihrer Bekannten mit Ihnen ergangen ist, und auf diese Weise Bilanz ziehen und Abschied nehmen.
Vielleicht gelingt es Ihnen auf diese oder eine ganz andere, nämlich Ihre eigene Art, Ihre Bekannte in Frieden ziehen zu lassen und sich dabei nicht abhängig von dem zu machen, was bei der offiziellen Abschiedsfeier gesagt oder eben auch nicht gesagt wird.
Irene Silbermann
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