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Leserfrage - Andreas Ebert antwortet

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung

"Ich habe ein Problem mit einer Bibelstelle aus dem Dekalog: 'Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern' (2. Mose 20,5). Wer kann der Heimsuchung Gottes entgehen?" ( Christa S., Nürnberg)

Ist es gerecht, dass Nachkommen die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen die Vorfahren eingebrockt haben? Ist nicht jeder nur für sich verantwortlich? Wir können diesen Text nur verstehen, wenn wir uns klar machen, dass die Ansicht, jeder Mensch sei ein unabhängiges Individuum, relativ neu ist. Erst in den letzten Jahrhunderten ging das Bewusstsein verloren, dass wir in Zusammenhänge verwoben sind, die größer sind als der Einzelne. Heute sind wir an einem Punkt angelangt, wo dem Individuum vermittelt wird: "Du bist weder für die Schuld deiner Vorfahren noch für das Unglück der Armen verantwortlich. Du bist nur für dich verantwortlich. Du kannst frei wählen. Du bist allein deines Glückes Schmied." Für die Menschen der Bibel war klar, dass alles, was ich tue, über mein persönliches Dasein hinaus Folgen hat. Ist das wirklich überholt?

Die christliche Lehre von der "Erbsünde" basiert auf dieser Weltsicht: Ich komme nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Erde. Wir leben in einer Welt, die auch vom Dunklen infiltriert ist. Irgendwann reagiere ich auf die vorfindliche Sünde, indem ich selbst "falle". Ich bin immer Opfer und Täter zugleich. Schicksal und Schuld sind miteinander verwoben. Jüngst hat die psychologische Familientherapie neu entdeckt, dass unsere Seele viel verstrickter ist mit dem Geschick unserer Vorfahren, als wir gemeint haben. Es lässt sich geradezu nachweisen, dass wir unbewusst zerstörerische Verhaltensweisen wiederholen, die in unserem Familiensystem schon früher aufgetaucht sind (Suchtverhalten, Neigung zum Selbstmord ...). Es gibt Familien, die geradezu unter einem Fluch zu stehen scheinen. Die Autoren der Bibel wussten das bereits und deuteten diese Zusammenhänge als Strafe Gottes.

Zunächst! Denn auch die Gottesbilder der Bibel haben sich im Laufe der Zeit gewandelt - nicht weil Gott sich gewandelt hat, sondern weil das menschliche Bewusstsein reifen musste für den wahren Gott. Vom Bild des wütenden Gottes, der die Sintflut schickt, bis zum Bild des Vaters, der den verlorenen Sohn mit offenen Armen aufnimmt, ist ein langer Bewusstseinsweg mit mehreren Etappen.

Bereits im Alten Testament zeichnet sich bei den Propheten ein markanter Wandel des Gottesbildes ab. Bei Jeremia und Hesekiel begegnet uns erstmals das Bewusstsein, dass jede Generation die Chance haben muss, von den Verstrickungen der Vorfahren loszukommen. Die beiden widersprechen energisch dem damaligen Sprichwort: Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen sind die Zähne davon stumpf geworden." Eine Abkehr von der "Sünde der Väter" ist möglich - der Fluch kann widerrufen werden! (Jeremia 31,29ff und Hesekiel 18,1-9).

Das gilt erst recht für das Neue Testament. Für Jesus und Paulus verlieren die Blutsbande der Familie ohnehin an Bedeutung gegenüber der "Wasserbande", die die Taufe stiftet. In der "geistlichen Familie" der Kirche sind radikale Brüche mit der persönlichen oder familiären Vergangenheit nötig und möglich, Vergebung und Heilung können real erfahren werden. Wir müssen die Suppe nicht auslöffeln, die uns von uns selbst und anderen eingebrockt wurde. "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung", sagt Paulus, "das Alte ist vergangen. Neues ist geworden!" (2. Korinther 5,17). Die Lösung von den Schatten persönlicher oder familiärer Vergangenheit bedarf allerdings meist der Hilfe und Begleitung. Das therapeutisch-spirituelle Angebot des Glaubens zielt darauf ab, dass wir am Ende mit uns selbst und mit unseren Vorfahren im Reinen und versöhnt sind. Wir müssen sie nicht mehr anklagen und wir müssen ihr Versagen nicht mehr ausbaden. Wir dürfen leben und Segen weitergeben.

Andreas Ebert.

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