Sonntagsblatt-Serie: Die Bibel verstehen (3)
Jesus lobt einen Betrüger
Eines der anstößigsten Gleichnisse Jesu ist das vom unehrlichen Verwalter (Lukas 16,1-13): Ein Gutsverwalter wird beschuldigt, den Besitz seines Herrn zu verschleudern. Der Besitzer verlangt Rechenschaft. Gleichzeitig teilt er dem Verwalter seine Entlassung mit. Der Verwalter befindet sich in einer Lebenskrise. "Graben kann ich nicht. Auch schäme ich mich zu betteln" (Vers 3). Er beschließt, sich die Gläubiger des Gutsherrn zu verpflichten. Er händigt ihnen ihre Schuldscheine aus und weist sie an, ihre darauf vermerkten Schulden drastisch zu senken (Verse 5-7). Er hofft, dass sich die Schuldner erkenntlich zeigen werden und ihn nach seiner Entlassung bei sich aufnehmen (4). Überraschend endet das Gleichnis: "Und der Herr" - offenbar ist damit Jesus gemeint - "lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte."
Jesus macht also einen Menschen, der sich seine Zukunft durch Betrug, Bestechung und Urkundenfälschung zu sichern versucht, zum Vorbild! Das will uns nicht in den Kopf! Unser moralisches Bewusstsein protestiert. Wie konnte Jesus solch ein Gleichnis erzählen?
Zunächst: Jesus lobte nicht den Betrug, sondern die Fähigkeit des Verwalters, die Situation zu erfassen und entschlossen zu handeln. Der Verwalter wusste, was die Stunde geschlagen hatte! Angesichts der drohenden Krise war er bereit, alles auf eine Karte zu setzen. Das nennt Jesus klug!
Diese Klugheit wünscht er auch seinen Zuhörern. Die Krise der Welt und das Kommen der Gottesherrschaft stehen nahe bevor. Jetzt ist entschlossenes Handeln nötig. - "Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit" (Matthäus 6, 33). Dieses Wort aus der Bergpredigt bringt es auf den Punkt, was das Gleichnis meint.
Doch es bleibt der Anstoß, dass Jesus diese Klugheit am betrügerischen Verhalten eines Menschen illustriert. Spiegelt das die große Unbekümmertheit und Freiheit, in der Jesus mit Zöllnern und Sündern verkehren konnte?
An das Gleichnis schließen sich in den Versen 8b-13 verschiedene Anhänge an. Es handelt sich um vier unterschiedliche Versuche, den Anstoß zu beseitigen, den das Gleichnis hervorruft. Diese Anhänge lesen sich wie das Kurzprotokoll einer umfangreichen Diskussion in der frühchristlichen Gemeinde. Sie zeigen, dass nicht erst wir das Gleichnis Jesu als anstößig empfinden. - Christen in neutestamentlicher Zeit ging es genauso.
Vers 8b dokumentiert einen ersten Entschärfungsversuch. Das Lob des Verwalters wird dadurch eingeschränkt, dass sein Verhalten als typisch für die "Kinder dieser Welt" bezeichnet wird. Die Weltkinder sind in weltlichen Angelegenheiten zwar klüger als "die Kinder des Lichts", aber - so muss man wohl mithören - nicht in geistlichen Dingen.
Der zweite Kommentator kommt in Vers 9 zu Wort. Er versucht eine Ehrenrettung des Verwalters, indem er ihn zu einem Almosengeber macht. Davon aber steht nichts im Gleichnis. Dieser Ausleger führt den Begriff "Mammon" ein, der in den beiden folgenden Auslegungen aufgenommen wird. Außerdem überträgt er die Bezeichnung "ungerecht" vom Verwalter auf den Mammon: Jetzt ist vom ungerechten Mammon die Rede statt vom ungerechten Verwalter. Die Aussage von der Aufnahme in die "ewigen Hütten" bezieht sich auf Vers 4 im Gleichnis: " ... damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen." Aus dem Gleichnis wird also ein Appell gemacht, Almosen zu geben, um in den Himmel zu kommen.
Der dritte Kommentator in den Versen 10 bis 12 versteht das Gleichnis als abschreckendes Beispiel, dem er den Satz von der Treue im Geringsten entgegenstelIt. Dieser Satz wird auf den Umgang mit dem Mammon bezogen.
In der vierten Deutung (Vers 13) liegt eine weitere Stichwortverbindung zum Wort "Mammon" vor. Zitiert wird das auch aus der Bergpredigt bekannte Wort von der Unmöglichkeit, Gott und dem Mammon zu dienen (Matthäus 6,24). Es gibt wohl keine andere Stelle im Neuen Testament, die einen so differenzierten Einblick in die nachösterliche Diskussion eines Jesusgleichnisses ermöglicht. Das könnte uns ermutigen, die Diskussion fortzusetzen. Welche Konsequenzen ziehen wir aus Jesu Rede vom Reich Gottes?
Heinz-Dieter Knigge
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