Eröffnung der neuen Dresdner Synagoge
Steine erzählen Geschichte
Von Lutz Taubert
Es ist ein futuristisch anmutender Klotz am historischen Ort: Die neue Dresdner Synagoge, am 9. November eingeweiht, wird mancher als gewöhnungsbedürftig empfinden, vielleicht sogar als Zumutung gegenüber einer Stadt, die derzeit sich anschickt, im barocken Glanz des 18. Jahrhunderts und im Klassizismus des 19. Jahrhunderts wieder zu erstehen. Doch es kommt, wie immer, auf den Standort an: Auf der anderen Seite des neuen Baus, jenseits einer hässlichen Automagistrale, grüßen sozialistische Plattenbauten.
So passt alles irgendwie doch zusammen, weil die Architekturen, die neuen wie die alten, ihre Geschichten erzählen: Dresden ist, wie vielleicht keine zweite deutsche Stadt, eine Stadt steingewordener Geschichte. Deutscher Geschichte. Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 steht zeichenhaft für die Zerstörung an sich, die der Zweite Weltkrieg im Inneren unserer Gemeinschaft angerichtet hat. Auch der Wiederaufbau einer Stadt, die einst als eine der schönsten galt, ist Symbol. Symbol für Hoffnung, Symbol für die Zukunftsfähigkeit eines historischen Ensembles.
Die Frauenkirche, von der die neue Synagoge nur ein paar hundert Meter entfernt steht, wird "archeologisch korrekt" - so der Fachausdruck - rekonstruiert. Alte Steine, die aus dem 50 Jahre liegenden Schuttberg geborgen wurden, fügen sich nun neben neuen Steinen zur berühmten steineren Glocke, die das Stadtpanorama wieder beherrschen soll. Die Frauenkirche, sagen Theologen, wird wieder aufgebaut nach dem Prinzip der geheilten Wunde. Ein solches versöhnlich stimmendes Bild passt auf die neue Synagoge nun gerade nicht. Die alte Synagoge war ein Bau Gottfried Sempers, sie war in der Elbansicht das markante Gegenüber zur (Semper-)Oper. Die Semper-Synagoge aber haben nicht etwa angloamerikanische Bomber 1945 zerstört, sondern sie war bereits in der Pogromnacht vom 9. November 1938 von Nationalsozialisten niedergebrannt worden. Die Juden selbst mussten den Abriss der Ruine bezahlen. Der Davidstern ist alles, was vom damaligen Gotteshaus übrigblieb.
Die Prophezeiung eines weisen Dresdner Bürgers von 1938, dass "dieses Feuer zurückkehrt", bewahrheitete sich 1945 in einer unvorstellbaren Dimension. Oder anders ausgedrückt: Zur geschichtlichen Wahrheit gehört beides, die Zerstörung der Synagoge und der Untergang Dresdens. So ist es nur folgerichtig, dass beides, je auf seine Weise, wieder errichtet wird, die Frauenkirche und die Synagoge. 250 Millionen Mark kostet der Wiederaufbau der Frauenkirche, eine Summe, die zum größten Teil privat, durch ein beispielhaftes bürgerschaftliches Engagement, aufgebracht wird. Es ist gut, dass auch die Wiedererrichtung der Synogoge, die 20 Millionen Mark kostete, wenigstens zu einem kleinen Teil aus privaten Spenden (unter anderem auch einer bayerischen Initiative) finanziert wird.
Es gehört wohl zum deutschen Alltag, dass nur zwei Tage nach der Einweihung eine hässliche Nazi-Schmiererei den neuen Bau verunstaltete. Steine, auch neue, erzählen Geschichte.
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