SOS-Kinderdorf in Pakistan
Ein Fluchtpunkt für die Kinder des Krieges
Die Not im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan wird immer größer. Unzählige Flüchtlinge drängen sich in den Lagern und Zelten zusammen, täglich kommen Tausende illegal über die Grenze. Die Hilfsorganisation "SOS-Kinderdorf" kümmert sich vor allem um Flüchtlingskinder, deren Eltern im Krieg gestorben sind oder die die Flucht nicht überlebt haben.
Von Maja Röhl
Tagelang kauerte die siebenjährige Leila auf dem Boden ihres Zeltes, stumm, ihre zerschlissene Puppe, die keine Arme mehr hat, fest an sich gepresst. Auf der Flucht durch die steinige Bergwelt Afghanistans am Khyper-Pass brach ihre Mutter vor Erschöpfung zusammen, vor den Augen von Leila und den vierjährigen Zwillingen Samir und Fuad. "Helft meinen Kindern, sie sollen weiterleben", waren ihre letzten Worte, bevor sie starb.
Rettung für Körper und Seele
Frühere Nachbarn aus der Flüchtlingsgruppe kümmerten sich um die Geschwister, brachten sie mit über die Grenze. Nun haben SOS-Helfer die Kinder, die an Durchfall, Hautekzemen und Unterernährung leiden, mitgenommen ins dorfeigene Medizinzentrum von Lahore, wo sie verwöhnt und wieder gesund gepflegt werden.
Das Kinderdorf Lahore liegt mitten in der fruchtbaren Indus-Tiefebene wie eine Oase des Friedens. Wenn Leila morgens aufwacht, haben Kinder des Dorfes schon einen bunten Blumenstrauß aus dem üppig blühenden Garten auf den Frühstückstisch gestellt. Und über Leilas Gesichtchen gleitet hin und wieder ein erstes Lächeln.
Tausende von Flüchtlingen täglich
Die Not im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan wird immer größer. Eine unüberschaubare Zahl von Flüchtlingen drängt sich in den Lagern und Zelten zusammen, täglich kommen Tausende illegal über die Grenze. In den Camps bei Peshawar finden sie notdürftige Unterkunft: Mütter mit ihren Kindern, erschöpft, hungrig und krank. Die pakistanischen Behörden können den Ansturm kaum mehr bewältigen.
Die Mitarbeiter der SOS-Kinderdorf-Organisation, die in Pakistan bereits mit sechs Kinderdörfern vertreten ist, wollen mit einem Soforthilfe-Programm den Müttern und Kindern helfen. Sie bringen warme Kleidung, Schuhe und Decken, Medikamente und Vitaminpräparate in die Lager, sie bauen einfache Spielplätze und sorgen dafür, dass Kinder im schulpflichtigen Alter von qualifizierten Lehrern Unterricht bekommen - auch die Mädchen, die unter dem radikal-islamistischen Taliban-Regime in Afghanistan ja keine Schulen besuchen dürfen. Für Verletzte und Kranke entsteht am Stadtrand von Peshawar ein notdürftiges medizinisches Zentrum, wo sie ärztliche und psychologische Hilfe finden. Traumatisierte Kinder haben jemand, der mit ihnen spricht.
SOS-Präsident Helmut Kutin: ein ehemaliges Kinderdorf-Kind
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"Wir wollen alles tun, dass die Kinder ihre Freude am Leben zurückgewinnen", versichert SOS-Präsident Helmut Kutin (60), hier mit seinen Schützlingen in einem pakistanischen SOS-Kinderdorf.(Foto: Röhl)
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"Alles, was in unserer Macht steht, wollen wir tun, um diesen unschuldigen Opfern zu helfen, ihre Freude am Leben zurückzugewinnen", versichert SOS-Präsident Helmut Kutin (60). Der hoch gewachsene Südtiroler verlor im Alter von zwölf Jahren seine leibliche Mutter. Sie hatte die Ermordung der ältesten Tochter nicht verkraften können und war an Herzversagen gestorben. Helmut kam ins erste Kinderdorf der Welt, nach Imst/Tirol. Sein Dorfvater war Hermann Gmeiner, der Gründervater der SOS-Kinderdörfer. Zu seiner SOS-Mutter Antonia Kammerlander, die heute hoch betagt in einem Haus für pensionierte SOS-Mütter in "ihrem" Imster Kinderdorf lebt, hat Helmut Kutin noch immer ein inniges Verhältnis. Natürlich ist die gebürtige Tiroler Bauerntochter mächtig stolz auf ihren mittlerweile weltberühmten "Buben".
"Visum für die Hölle"
Helmut Kutins Beziehung zu Asien hat eine spannende Vorgeschichte. Es begann, als Hermann Gmeiner den damals 27-Jährigen, der Pädagogik und Volkswirtschaft studiert hatte, mit einer heiklen Aufgabe betraute: Mitten im Vietnamkrieg 1968 sollte er für die Waisenkinder von Saigon ein Kinderdorf bauen. Kutin nahm die Herausforderung an. "Es war ein Visum für die Hölle", gestand er später einem Reporter. Da alles schnell gehen musste, ließ er das Dorf in Fertigbauteilen per Schiff kommen. Bald füllte es sich mit regem Leben, 110 Kinder und ihre SOS-Mütter fanden hier ein Zuhause. Bis zum Schluss, während Raketen und Granaten ringsherum einschlugen, harrte Kutin bei seinen Kindern aus, bis am 1. Mai 1975 endlich die Waffen schwiegen..
Ausgesetzt auf den Stufen der Moschee
Im Laufe der nächsten Jahre baute der SOS-Präsident noch viele Kinderdörfer in ganz Asien auf. "Dieser Erdteil lässt mich bis heute nicht los", sagt er, "die Menschen dort sind mir ans Herz gewachsen." Menschenkinder wie zum Beispiel die kleine Nabila aus dem pakistanischen Kinderdorf Dhodial, das umgeben von hohen Berggipfeln im Norden des Landes liegt. Als winziges Baby fand man sie, in grobes Leintuch gewickelt, auf den Stufen einer Moschee. Mit einem Zettel, auf dem in zittriger Schrift zu lesen war: "Allah möge mir verzeihen, ich weiß keinen Ausweg mehr."
Es gibt viele Kindesaussetzungen verzweifelter Mütter in Pakistan, die von Not und Armut, aber auch oft von nahen Angehörigen, die ihre "Ehre" retten wollen, zu solchen Taten getrieben werden. Diese Babys - in der Mehrzahl Mädchen - gehören zu der großen Anzahl so genannter "lost children", der unehelich Geborenen. Heute ist die hübsche Nabila acht Jahre alt und der Sonnenschein des Kinderdorfes. Lebhaft und aufgeschlossen, musikalisch hoch begabt. Bei Kinderfesten stets im Mittelpunkt.
Unterricht für alle
Nabila besucht eine der Hermann-Gmeiner-Schulen, die jedem der sechs SOS-Dörfer angegliedert sind. Diese Schulen, staatlich anerkannt, führen Klassen mit nur maximal 30 bis 40 Schülern, haben hoch qualifizierte Lehrer und gutes Unterrichtsmaterial. Sie können auch von Kindern und Jugendlichen der Umgebung in Anspruch genommen werden. Schüler aus bedürftigen Familien erhalten Stipendien.
Gleiche Rechte für Mädchen und Jungen
Das allgemeine Bildungswesen ist in Pakistan nicht gut entwickelt. 76 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten, trotz allgemeiner Schulpflicht besuchen nur 20 bis 30 Prozent den Unterricht. In der männlich dominierten Gesellschaft haben besonders die Mädchen große Nachteile. Doch es kämpfen immer mehr Frauenverbände um die Verbesserung ihrer Lage und die Durchsetzung weiblicher Rechte.
"In den Kinderdörfern haben die SOS-Mädchen aber gleiche Chancen wie die Jungen", sagt Mrs. Hoor Fatimah, die Dorfleiterin des Kinderdorfes Rawalpindi. "Wir ermutigen sie, die Schule weiter zu besuchen und eine qualifizierte Ausbildung zu beginnen, technische Zeichnerin oder Lehrerin zu werden", sagt sie.
Andauernde Gewalt

Was Menschen in Afghanistan erdulden müssen: 22 Jahre Krieg, die schlimmste Dürre seit 20 Jahren, ein fanatisch-islamistisches Taliban-Regime und jetzt die pausenlosen US-Bombenangriffe. (Foto: epd-Bild)
Seit der gewaltvollen Loslösung von Indien im Jahre 1947 und der Gründung eines eigenständigen islamischen Staates ist Pakistan nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ständig flammen Unruhen auf, immer wieder gibt es politisch oder kulturell bedingte Auseinandersetzungen, die oft blutig verlaufen. Auch Pakistan wurde noch einmal geteilt, in West- und Ostpakistan, das heutige Bangladesh.
Ein halbes Jahrhundert andauernder Gewalt geht an keinem spurlos vorüber. Viele junge Leute sind krank, nehmen Drogen, haben keine Arbeit, leben in zerrütteten Familienverhältnissen, so dass sie oft nicht in der Lage sind, ihre Kinder großzuziehen. Die Heime der staatlichen Wohlfahrt sind überfüllt mit armen Niemandskindern.
Zuneigung heilt
Auch der heute zwölfjährige Masood war so ein Niemandskind, der immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand schlug vor lauter Selbst-Aggression. Das änderte sich erst, als man ihn aus dem Heim zur SOS-Mutter Asiya ins Kinderdorf Rawalpindi brachte, wo er nach wenigen Monaten, in denen seine neue Mutter Nacht für Nacht geduldig an seinem Bett saß und ihn streichelte, aufblühte. "Wir kannten ihn nicht wieder", erzählt Asiya. Jetzt liebt er seine SOS-Geschwister heiß und innig, hilft seiner Kinderdorfmutter im Haus und bei der Betreuung der Kleinen. Masood hat sich zu einem ernsthaften Jungen entwickelt, der gern Verantwortung für andere übernimmt. Er möchte später Kinderarzt werden, hilft schon manchmal dem Pfleger in der Krankenstation.
Großer Bedarf an weiteren Kinderdörfern
Die pakistanische SOS-Kinderdorf-Organisation konnte im vorigen Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiern, fünf neue Einrichtungen wurden aus diesem Anlass eröffnet, darunter eine neue Hermann-Gmeiner-Schule in Karatschi, der größten Stadt des Landes am arabischen Meer. Und der Bedarf an weiteren Kinderdörfern ist groß. Vor kurzem fand die Grundsteinlegung für das zukünftige SOS-Dorf Muzaffarabad an der Grenze zu Kaschmir statt.
Ein Haus namens "Frieden"
Dieser seit Jahren schwelende Konflikt der beiden Atommächte Indien und Pakistan an der Waffenstillstandslinie (Pakistan hält den nördlichen, Indien den südlichen Teil des ehemaligen Fürstentums Kaschmir besetzt) führt immer wieder zu Gewaltakten, fordert neue Opfer, bringt neues Flüchtlingsleid. Zur stillen Mahnung soll ein Familienhaus in dem neuen Dorf den Namen "Frieden" bekommen. Auch im ersten Kinderdorf der Welt, in Imst, das 1949 nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut wurde, gibt es ein Haus mit diesem Namen.
Helmut Kutin wird nicht müde, in den sieben Sprachen, die er inzwischen spricht, den Staatsmännern und Verantwortlichen dieser Welt seine Vision von einer besseren Welt nahe zu bringen: die Hoffnung, dass es den Erwachsenen immer öfter gelingen möge, den Kreis von Fanatismus, Gewalt, Misstrauen, Hass und Rache zu durchbrechen - so wie es die Kinder in den SOS-Dörfern trotz erlittener Schicksalsschläge immer wieder schaffen.
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