Kultur
Entdecker der Langsamkeit
Regisseur Theo Angelopoulos als Erneuerer der Filmkunst gefeiert
Der Regisseur Theo Angelopoulos, dessen Film "Die Ewigkeit und ein Tag" in Cannes 1998 die goldene Palme und den Preis der Ökumenischen Jury erhielt, wurde am vergangenen Wochenende in München als einer der großen Erneuerer der europäischen Filmkunst gefeiert. Im Rahmen einer Feierstunde in der Residenz mit Kardinal Karl Lehmann, an der auch Ministerpräsident Edmund Stoiber und der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich als Gäste teilnahmen, erhielt er den mit fünfzigtausend Mark dotierten Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken. Der Grieche Angelopoulos bedankte sich in München gerührt: "Ich freue mich, von beiden Kirchen den Preis zu erhalten" - was unter den Zuhörern zu erstauntem Getuschel führte. Die höchste Auszeichnung des katholischen Kultursektors wurde bislang an den Schriftsteller Andrzej Szcypiorski, an den Architekten Karljosef Schattner und an die Komponisten Petr Eben und Bertold Hummel vergeben.
"Verborgenes Alphabet derÅDinge und Landschaften"
Die Jury würdigte im Werk von Angelopoulos die "Asthetik der Entschleunigung" - die Filmkritik nennt ihn den "Rhetoriker der Langsamkeit". Wörtlich heißt es in der Begründung: "Angelopoulos bringt das verborgene Alphabet der Dinge und Landschaften zum Sprechen und stimmt den großen Wechselgesang des Menschen zwischen Drinnen und Draußen an, der für die Religion ein grundlegendes Thema ist."
Ein Kernpunkt im Werk von Angelopoulos ist die Frage: Wie viele Grenzen müssen wir überwinden, um bei uns selber anzukommen? Dies wurde bei einem Filmforum mit dem Regisseur deutlich, zu dem die Katholische Akademie in Bayern im Anschluss an die Preisverleihung eingeladen hatte. Unter dem Titel "Zeit zum Sehen und Erinnern" analysierte Reinhold Zwick, Professor für Biblische Theologie in Münster und Mitglied der Preis-Jury, die Kunst, wie Angelopoulos es versteht, Mythen so zu übersetzen, dass durch sie hindurch von der Gegenwart gesprochen wird.
Eines seiner wiederkehrenden Motive neben Hochzeitspaaren, Musikern, dem Meer und dem Blick aus dem Fenster ist die Figur des Odysseus. Die mythische Gestalt wird in den Filmen zum Reisenden, dem unwirtliche Nebel-Landschaften in Nordgriechenland zum Spiegel innerer Befindlichkeiten werden. Angelopoulos, 1935 in Athen geboren, erklärte auf der Tagung diese Odysseus-Thematik als Erinnerung an den Vater, der im Bürgerkrieg 1944 verhaftet wurde und verschollen war, bis er eines Tages zerlumpt wieder auftauchte und die ganze Familie sich zu einer warmen Suppe zusammensetzte. Zugleich ist die Odyssee für ihn eine Reise ins eigene Innere: "Was will man wiederfinden? Nicht das Haus, sondern das Zuhause, wo wir mit der Welt im Gleichgewicht sind." Und er bekennt: "Mein Zuhause ist, im Auto zu sitzen, das Fenster ist offen und die Landschaft zieht vorüber. Das ist meine Position." Oft genug, so möchte man hinzufügen, ist dies auch die Position seines Kameramannes, der die Regenschwaden oder die nebligen, verschneiten Berge in langen Sequenzen zeigt und damit auch an Kino-Bilder des russischen Regisseurs Andreji Tarkowski anknüpft.
In Angelopoulos` Filmen gehen die Protagonisten, wie etwa Bruno Ganz als alternder Dichter in "Die Ewigkeit und ein Tag", mit langsamen Schritten über den Strand oder durch ein altes Haus. Dann kann der Blick durch Fenster oder Türen zum Übergang in eine Zeit der Erinnerung werden - unmerklich gleiten die Filmpersonen und mit ihnen die Zuschauer hinüber. Die Idee jenes Filmes von 1998 ist die Frage: Was macht man, wenn man noch einen Tag zu leben hat? Diese Frage bewegte Angelopoulos, als während einer Reise ein Mitglied seines Teams starb und er den Toten fand.
Gelingendes Leben im Angesicht des Todes
Die Antwort auf diese Kernfrage sucht im Film der Dichter Alexandros. Tödlich erkrankt, lässt er sich am Tag, bevor er ins Krankenhaus geht, wie vielleicht noch nie in seinem bisherigen Leben auf den gegenwärtigen Augenblick ein und öffnet einem illegalen Flüchtlingskind aus Albanien die Autotür, bevor es die Polizei schnappen kann. Die Ausgesetztheit dieses Kindes wird parallel gesetzt zu dem Dichter als Fremdling, der sich an die wenigen, ganz kurzen Augenblicke zurück erinnert, wo die Möglichkeit eines Gelingens von Leben durchscheint.
Entscheidend ist in diesen grau-melancholischen Filmszenen die konzentrierte Langsamkeit: Sie "erzeugt Abstand und lehrt die Dinge so zu sehen, als kämen wir zu Besuch von einem anderen Stern", so formulierte der Schauspieler Mario Adorf in seiner Laudatio auf den Preisträger Angelopoulos. Diese Entdeckung der Langsamkeit fußt möglicherweise auf einem uralten Stilmittel: die Einheit von Ort, Zeit und Handlung im klassischen griechischen Theater. In Kindheit und Jugend, so der Regisseur, habe er seine ganze Stoffsammlung gefunden und mit der Wiederholung bestimmter Motive und mit dem Mut zur Langsamkeit hat er seine eigene Sprache entwickelt - und "die eigene Sprache ist die Freiheit".
Annette Krauß
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