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Kultur

Kunst in Sicht
Die "Artionale 2001" brachte wieder Gegenwartskunst in Münchner Kirchen

Luthers Geburtstag, 10. November - in München geht die "Artionale 2001" zu Ende. Zufall oder nicht, das ambitionierte Kunstprojekt, an dem sich im Dekanat München seit September 14 Gemeinden und das Evangelische Forum als "Schau- und Hörplätze" beteiligt haben, verweist durchaus auf das Verhältnis von reformatorischer Tradition und Kultur.

Denn mit der Artionale setzen die Münchner Protestanten ihr Bestreben fort, das zeitgenössische Kulturleben der Stadt mitzuprägen. Die nach 1998 zweiten "Tage für neue Musik und Gegenwartskunst" haben dabei gezeigt, dass es für das Ziel, sich auf dem kulturellen Markt der Möglichkeiten der Landeshauptstadt jenseits von Bach zu behaupten, Durchhaltevermögen und weitere "Artionalen" benötigt. Und natürlich Geld: Der Etat der Artionale ist von 40 000 im Jahr 1998 auf 170 000 Mark angewachsen, die Mittel kamen vor allem von der Landeskirche und dem Dekanat München. Mitorganisator Gerson Raabe, Pfarrer an der Himmelfahrtskirche, hebt in diesem Zusammenhang besonders die Unterstützung des Projektes durch Landesbischof Johannes Friedrich hervor. Nicht gelungen ist es indes, in breiterem Maße Sponsoren aus der freien Wirtschaft zu gewinnen. Dies mag zum einen am etwas elitären Charakter des Projekts liegen, das zwar - auch wenn sich die Organisatoren noch nicht auf genaue Zahlen festlegen wollen - wieder mehrere Tausend Menschen erreicht hat und die Zahl von 5 000 Besuchern von 1998 übertroffen worden ist. Vor allem erweist es sich aber in diesem Zusammenhang als Problem, dass die Artionale als kirchliche und weniger als kulturelle Veranstaltung gesehen wird, was die Börse der Sponsoringmanager vielleicht etwas leichter aufgehen ließe.

Abschluss der Artionale 2001

Abschluss der "Artinale 2001": Komponisten und Musiker des Uraufführungsabends in der Münchner Himmelfahrtskirche


Langer Atem tut Not

Umso wichtiger sei es daher, meint Raabe, dass die Kirche kulturelle Projekte in der Art der Artionale als ihr ureigenes Anliegen verstehe und finanziere. Und wenn in Zeiten immer knapper werdender Mittel nach der Breitenwirkung und der Berechtigung gefragt werde, dürfe das Kunstengagement der Kirche nicht gegen andere Verpflichtungen ausgespielt werden: "Das ist einer der vielen Spagate, die wir als Kirche machen müssen."

Nicht nur Raabe diagnostiziert eine "wechselseitige Ignoranz zwischen Gegenwartskunst und Kirche". Auch eine Podiumsdiskussion in der Münchner Universität, ein "Dies Academicus" der evangelisch-theologischen Fakultät als eine von etwa 60 Einzelveranstaltungen im Rahmen der Artionale, wies darauf hin. "Als Ergebnis der Avantgarde haben sich Kirche und Kunst völlig auseinandergelebt", stellte Tim Sommer, Redakteur beim Kunstmagazin art, fest. Moderne Kunst in den Kirchen strahle weithin den Charme der 50er Jahre aus und wirke "muffig" und gaukle Modernität letztlich nur vor.

Nichtsdestoweniger scheint derzeit die Theologie ihren Blick neu auf die Ästhetik zu richten und entdeckt in der zeitgenössischen Kunst - unabhängig vom Medium - allenthalben "religiöse Valenzen". Wilhelm Gräb, Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, sieht in der Wahrnehmung gelebter Religion eine Möglichkeit seiner Disziplin, die "Vergangenheitslastigkeit der übrigen Fächer zu kompensieren". Schon das Wort, mit dem es die Theologie im Kern zu tun habe, sei sinnlich und Bild. Sowohl Kunst als auch Kirche gehe es als "Deutekünsten" darum, die "Darstellung des Unbedingten im Bedingten, das Unsichtbare sichtbar, das Abwesende anwesend zu machen". - "Lasst uns wieder Bilder machen! - Neue Realisten in Malerei und Theologie" war der Titel des Veranstaltungstages, und mit dem jungen Leipziger Maler Michael Triegel saß ein solcher "neuer Realist" mit auf dem Podium. Triegels Arbeiten unterstreichen die These, die Gegenwartskunst entdecke religiöse Themen neu. Seine technisch perfekten, manieristisch an der Zentralperspektive der Renaissance orientierten und großformatigen Bilder thematisieren auf verstörende Weise oberflächlich vertraute Bildprogramme. In einer Abendmahlsszene sehen wir Christus, allein an der Tafel, von allen Jüngern verlassen - ohne Gesicht, vor einem großen schwarzen Tuch, das Unheil zu bergen scheint. Über seine uns vertraute Form- und Farbsprache schleicht sich das Bild gleichsam in unsere Wahrnehmung, um dann umso heftiger seine Fragen an den Betrachter zu stellen.

Auch wenn der Künstler, der sich selbst als eher distanziert von Kirche und Theologie verortet, dies zunächst bestreitet - Triegels Kunst ist damit gewissermaßen selbst Theologie, versuchen ihm die Theologen im anschließenden Workshop nachzuweisen. Zumindest aber ist das Bildprogramm der Theologie, das kulturelle Erbe der Religion, eine überaus verdichtete Form menschlicher Schwellensituationen wie "Geburt, Liebe, Tod, Verrat, Erlösung", um die es auch Triegel geht.

Und umgekehrt scheinen für Kirche und Theologie in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst, ihren Wahrheits- und Weltdeutungsansprüchen, große Chancen zu theologischer Erneuerung zu liegen, mithin in der Begegnung mit künstlerischen Zeitansagen, in denen nicht zu Unrecht ein größerer Grad an Aktualität vermutet wird, auch die eigene kirchliche Zeitansage zu aktualisieren und zu reformieren. p> Für Artionale-Mitorganisator Raabe gehört daher die Bekräftigung dieser Erfahrung, "wie eng sich oft Kunst und Kirche berühren", zu den Höhepunkten der vergangenen Artionale. Sie ist für ihn Beleg, dass die Kirche begonnen hat, das weithin abgerissene Gespräch mit der Gegenwartskunst neu anzuknüpfen. Dazu gehört für ihn auch, dass einige Installationen in den Gemeinden Kontroversen ausgelöst haben. Und immerhin hat sich an der Artionale entlang in München so etwas wie eine vitale "Szene" rund um Kunst und Kirche gebildet.

Dennoch hinterlässt die Artionale auch Fragen. Der missglückte Auftakt in der Markuskirche war leider Beleg dafür, dass manche Grußworte "moderne Formen der Christenverfolgung" sind, wie dies der scheidende Präsident der Landessynode Haack, während der jüngsten EKD-Synode sagte, und ließ Stil, Form und vor allem die Kunst vermissen. Dem angekündigten "Event-Charakter" der Artionale war dies ebensowenig zuträglich wie die höchst unterschiedliche Qualität der Installationen und Veranstaltungen, von denen manche eher Fußnotencharakter hatten. Hinzu kommt die große räumliche Streuung der zahlreichen Veranstaltungsorte, die in keinem Verhältnis zur Reichweite der Artionale steht. Zwar bindet dies viele Gemeinden in das Projekt ein, in denen sich außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement für die Sache regt. Eher kirchenferne und eher an der Kunst und der Musik Interessierte werden so zumindest von der Fülle der Angebote abgehalten. Vielleicht würde hier also eine stärkere Bündelung gut tun.

Unter dem Strich überwiegen aber die positiven Eindrücke. Dazu gehörten die ausgezeichnete und bewegende Aufführung von Michael Tippetts "A Child Of Our Time" in der Erlöserkirche unter der Leitung von Candida Kirchhoff.

"raum.bruch" in der Lukaskirche

Großartig auch die traumhafte Konzertnacht "Dreams" in der St. Lukas-Kirche. Wenn einmal der etwas bemühte Untertitel der Artionale "raum.bruch" wirklich eindrücklich wurde, dann an diesem Abend. Besonders erwähnenswert die Klang- und Lichtinstallation "Alles hat seine Zeit" von Gerd Kötter, Kirchenmusikdirektor und Lukas-Kantor, die in ihrer Verbindung mit der Installation der Münchner Künstlerin Marina Herrmann den Kirchenraum so wunderbar zum Schweben brachte. Michael Grills Uraufführung von "Nichts bleibt" bleibt dennoch in Erinnerung, gerade in ihrer breiten thematischen Entwicklung und ihrem verstörend abrupten Ende.

Helga Pogatschar

Die Münchner Komponistin Helga Pogatschar schuf die Musik für das Projekt einer "medialen Oper" in der Kreuzkirche (Foto: privat)


Spannend auch das Projekt einer "medialen Oper" in der Kreuzkirche. Die religiösen Archetypen in "The Huluppu Tree" - geschildert wird der sumerische Mythos um die herrschsüchtige Göttin Innana - wirkten fremd und vertraut gleichzeitig. Jochen Brennich, Kantor an der Kreuzkirche, hatte für Artionale ein interessantes Ensemble angeheuert: Károly Koller, gelernter Theologe und Philosoph, übersetzte den Text aus dem Sumerischen ins Deutsche und schuf so das Libretto. Die Münchner Komponistin Helga Pogatschar, Lehrbeauftragte für elektronische Musik an der Musikhochschule in Hamburg, schuf eigens für die Artionale die Komposition.

Einen würdigen Abschluss der Artionale 2001 bildete zuletzt die außergewöhnliche Konzertnacht in der Himmelfahrtskirche, ein Projekt von Landeskirchenmusikdirektor Michael Lochner. Zehn Werke für Orgel und andere Instrumente wurde eigens für diesen Abend komponiert und uraufgeführt. Außer in der Verpflichtung auf die Orgel waren die Komponistinnen und Komponisten völlig frei in der Wahl des Sujets und der Instrumentierung, wie Lochner betont. Daher ist es auffällig, dass nur ein Komponist - nämlich der 1950 geborene und vor allem als Filmkomponist erfolgreiche Enjott Schneider, von dem unter anderem die Musik zu den Filmen "Herbstmilch" und "Schlafes Bruder" stammt - Orgel, Trompeten und Posaunen "voll Freude und Vertrauen in die sichtbare und unsichtbare Welt" jubilieren ließ. Dennoch: Gerade das war zeitgenössische Kirchenmusik, von der wir uns noch mehr wünschen würden.

Ein "Münchner Festival", wie im Programmheft zum Uraufführungsabend in der Himmelfahrtskirche zu lesen, für ein breiteres Publikum war die Artionale 2001 gleichwohl noch nicht. Zu gering noch die Präsenz in der Öffentlichkeit, die kirchliche Binnenperspektive überwog noch weithin. Für die nächste Artionale 2003 ist daher auf eine noch größere Öffentlichkeit zu hoffen und gleichzeitig auf eine weiterhin entschlossene finanzielle Förderung seitens der Kirche. Für den tatsächlich bedeutsamen Dialog von Kunst und Kirche sind Projekte wie die Artionale unerlässlich. Und sie brauchen langen Atem.

Markus Springer

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Förderer der zeitgenössischen Kirchenmusik

  Landeskirchenmusikdirektor Michael Lochner und Kirchenmusikdirektor Gerd Kötter sind Motoren für die Förderung der zeitgenössischen Kirchenmusik. In der Mitte die Komponisten Gloria Coates und Peter Kiesewetter mit der Sopranistin Adelheid Maria Thanner.