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Sonntagsblatt-Serie: Die Bibel verstehen (1)

Kein "papierner Papst"

Mit dem richtigen Verständnis der Bibel gab es offenbar schon in neutestamentlicher Zeit Probleme. In einer relativ späten Schrift, im 2. Petrusbrief 3,15f. verweist der Verfasser auf "unseren lieben Bruder Paulus" und auf seine Briefe - allerdings mit der Einschränkung: "in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind." Eine hilfreiche Bemerkung: Wenn schon der Verfasser des 2. Petrusbriefes nicht alles verstand, was in der Bibel steht, dann ist es kein Wunder, dass es uns zweitausend Jahre später oft ähnlich ergeht.

Luther hat ein sehr differenziertes Verständnis der Bibel. Die Bibel ist für ihn Gottes Wort, Heilige Schrift.

Luther war deutlich, dass in der Bibel sehr verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Zeiten mit verschiedenen Meinungen zu uns reden. Er wusste: Die Bibel ist kein vom Himmel gefallenes Buch. Gott hat sie auch nicht wortwörtlich diktiert oder eingegeben, wie bis heute Vertreter der Verbalinspiration behaupten. Gottes Wort begegnet uns immer als Menschenwort - und das heißt: oft auch in menschlich-allzumenschlichen Brechungen.

Luther drückte diese Erkenntnis aus, wenn er von der Knechtsgestalt des Wortes Gottes sprach. Er konnte in seiner bildhaft elementaren Sprache die Bibel sogar mit den Windeln vergleichen, die dem Jesuskind umgelegt werden mussten. "Sola scriptura" - "Die Schrift allein." Diese Losung ist auch gefährlich. Sie kann zu einem biblizistisch-fundamentalistischen Buchstabenglauben verleiten. Luther warnte ausdrücklich davor, die Bibel zu einem "papiernen Papst" zu machen, das heißt an die Stelle autoritärer Entscheidungen aus Rom eine formale Bibelautorität zu setzen.

Luther entging der Versuchung einer Zementierung und Betonierung der Bibel, weil er die Bibel als Christuszeugnis verstand. So gehört zur Parole "Die Schrift allein!" die andere: "Allein Christus!" - "Solus Christus!" Dieser theologische Maßstab gab Luther die Freiheit auch zu einer kritischen Sicht der Bibel. Nicht alles, was in der Bibel steht, ist deshalb schon Wort Gottes, sondern das, "was Christum treibet", was die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade predigt.

Luthers Verständnis der Bibel kann auch für uns wegweisend sein. Manche Theologen der Gegenwart sind der Ansicht, dass Luthers differenzierte Sicht der Bibel der neuzeitlichen historisch-kritischen Bibelinterpretation mit den Weg bereitet hat.

Historisch-kritische Erforschung der Bibel beschäftigt sich mit dem, was Martin Luther die "Knechtsgestalt des Wortes Gottes" nannte. Sie fragt zum Beispiel nach den historischen Umständen, unter und in denen Gottes Wort verkündigt und überliefert wurde.

Leser des Gleichnisses von der königlichen Hochzeit (Matthäus 22) mögen sich vor allem über zweierlei wundern: Das Mahl ist fertig, aber bevor gegessen werden kann, muss der König noch einen Krieg führen und eine Stadt vernichten. Ein Krieg als Intermezzo einer Hochzeitsfeier? Das wirkt unwahrscheinlich.

Vor eine andere Schwierigkeit stellt uns der Schluss des Gleichnisses: Die ursprünglich zum Mahl Geladenen sind nicht gekommen. Leute von der Straße werden herbeigeholt. Befriedigt wird festgestellt: "Die Tische wurden alle voll" (Vers 10). Aber dann lässt der König einen Gast an Händen und Füßen binden und hinaus in die Finsternis werfen. Denn dieser Gast war nicht in Hochzeitskleidung erschienen (Verse 11-13). Unwillkürlich fragt man sich: Wie und wann sollte er sich denn umziehen, wenn er eben erst (9-10) völlig überraschend von der Straße herbeigeholt worden war?

Das Verhalten des Königs erscheint als ungerecht oder, historisch kritisch gesagt: Wir stoßen auf eine weitere erzählerische Spannung. Solche Ungereimtheiten sind oft ein Zeichen dafür, dass Eingriffe in die ursprüngliche Überlieferung erfolgten. Wie wird also die Urfassung gelautet haben? Wie hat Jesus selber das Gleichnis erzählt? Das Gleichnis ist uns noch an zwei anderen Stellen überliefert: Im Lukasevangelium (14, 16-24) und im 1946 entdeckten Thomasevangelium:

Bei Lukas und Thomas werden die Knechte nur einmal ausgesandt, um die Gäste zum Mahl zu rufen. Kein Knecht wird getötet. Die Eingeladenen begründen ihr Fernbleiben. Sie lassen sich entschuldigen. Lukas und Thomas wissen von keinem Krieg, der vor Beginn des Mahles geführt wird. Bei ihnen wird auch niemand ins Heulen und Zähneklappern hinausgeworfen, weil er keine Hochzeitskleidung trägt. Lukas und Thomas erzählen das Gleichnis widerspruchslos und einfach. Das spricht dafür, dass sie näher am Jesusgleichnis sind.

Jesus knüpfte an das traditionelle Bild vom himmlischen Freudenmahl an. Im Gleichnis "erdet" er es, indem er von einem irdischen Festmahl erzählt, um so Menschen in die Nähe Gottes einzuladen. Um diese Nähe geht es auch in den Mahlgemeinschaften, die Jesus Jüngern, Zöllnern und Ausgestoßenen gewährt. Das Gleichnis vom großen Gastmahl schildert Jesu eigenes Verhalten.

Etwa fünfzig Jahre später aktualisiert Matthäus das ihm überlieferte Jesusgleichnis. Er versteht es in der Situation, in der er lebt. Matthäus hat sich vom Judentum zum Christentum bekehrt, aber die Mehrzahl der Juden hatte sich dem Ruf Jesu verschlossen. Jesus wurde gekreuzigt, Jerusalem im Jahre 70 n.Chr. von den Römern zerstört, was Matthäus offenbar als göttliche Strafe verstand. Das Evangelium wurde inzwischen den Heiden verkündet.

All das zeichnet der Evangelist in seine Gleichnisfassung ein. So kommt es zu den tief greifenden Veränderungen, die nicht als Verfälschung bezeichnet werden sollten. Matthäus hat das getan, was in jeder Predigt geschieht: Er vergegenwärtigt seine Überlieferung.

Nie kommt in einem Jesusgleichnis ein König vor. Jesus erzählt von einfachen Leuten. Aber viele jüdische Gleichnisse handeln von Königen, die dann als Metapher für Gott auftreten. Dieser Erzähltradition schließt sich Matthäus an. Er verbindet sie mit dem christlichen Verständnis Jesu als Gottes Sohn. "Hochzeit" ist ein Bild für die mit Jesus angebrochene Heilszeit (vgl. Markus 2,19 und Matthäus 25,1-13). Die zweifache Sendung der Boten und die Tötung einiger von ihnen soll offenbar das Schicksal Jesu mit dem der Propheten verbinden. Der römisch-jüdische Krieg, der zur Zerstörung Jerusalems führte, diente als Anlass für den Krieg, von dem Matthäus im Gleichnis erzählt. Die Leute, die von der Straße herbeigeholt werden, stehen für die Heiden, die wegen der Ablehnung der Juden nun der Ruf des Evangeliums erreicht. Doch auch sie werden gefragt, ob bei ihnen Glaube und Taten zusammenpassen. Das dürfte hinter der Frage nach dem "hochzeitlichen Kleid" stehen.

Im Neuen Testament sind "Kleid" und "Gewand" oft Bilder für das Sein des Menschen. Es werden zwar "Böse und Gute" (Vers 10) von der Straße herbeigeholt, aber niemand kann mit einer "billigen" Gnade rechnen. Um das zu verdeutlichen, hat Matthäus das Jesusgleichnis um die Verse 11-14 erweitert.

Wenn dort in der üblichen Weise zu einer Hochzeit eingeladen worden wäre, hätte jeder der Eingeladenen sich auch entsprechend anziehen können. So würde das Verhalten des Königs verständlicher, und die Spannung zwischen Vers 9 und Vers 11 ff. würde erklärbar.

Die skizzierte Gleichnisbearbeitung verändert den Akzent des Jesusgleichnisses: die mahnenden, warnenden, zum Teil auch drohenden Akzente überlagern den ursprünglichen Gleichnissinn. Um so wichtiger ist es, auch hinter der Matthäusfassung die ursprüngliche Einladung zum Fest zu sehen, die Jesus an alle ausspricht, die sein Gleichnis hören. Heinz-Dieter Knigge


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Die Bibel verstehen


Fragen an die Heilige Schrift

In der Sonntagsblatt-Serie "Die Bibel verstehen" sollen zunächst Stellen aus der Bibel besprochen werden, deren Verständnis oft Schwierigkeiten bereitet. Sie sind eingeladen, sich an diesem Unternehmen zu beteiligen: Nennen Sie Stellen aus der Bibel, die Sie erklärt haben möchten, und nennen Sie die Schwierigkeiten, die Sie mit diesen Stellen haben.

Schicken Sie Ihre Beiträge und Fragen bitte an die Redaktion des Sonntagsblattes, sonntagsblatt@epv.de oder per gelber Post an die Anschrift
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