BUCH-TIPP
NSDAP-Mitglied und KZ-Häftling
"Nur Gott und dem Gewissen verpflichtet" - der bayerische Pfarrer Karl Steinbauer
Aber schauen Sie, mir droht noch eine viel furchtbarere Sache als Dachau. Mir droht das Jüngste Gericht", antwortet der evangelische Pfarrer Karl Steinbauer 1936 einem Kommissar, der ihn wegen seiner Predigten verhört. "Der Tag kommt, an dem vor dem wiederkommenden Christus alle Menschen auf den Knien liegen, Adolf Hitler, Sie und ich." Charakteristische Sätze sind das für den Seelsorger Steinbauer, der am 20. Juni 1936 zum ersten Mal verhaftet wurde.
Das Beflaggen seiner Kirche zum 1. Mai und das Glockenläuten zum Wahlsieg der NSDAP hatte er verweigert. Karl Steinbauer lehnt den Treueid auf Adolf Hitler ab und bringt keinen Ariernachweis. Seine Taten begründet er theologisch und nicht selten nimmt Steinbauer, dem eine charismatische Ausstrahlung nachgesagt wird, seine Richter für sich ein. Seine Rhetorik, seine Gemeinde in Penzberg, die sich für ihn mutig einsetzte, und seine militärischen Auszeichnungen dürften mit dazu beigetragen haben, dass Karl Steinbauer das Dritte Reich überlebte. Vier Mal wird Steinbauer verhaftet, neun Monate verbringt er im KZ Sachsenhausen, sein Zellennachbar ist Pastor Martin Niemöller.
"Es ging mir nicht darum, Menschen und menschliche Größe oder Gedanken und Ideale klein zu machen. Es ging mir nur darum, meinen Herrn und seine frohe Botschaft, sein Reich groß zu machen", schreibt der Pfarrer rückblickend. Das Porträt dieses eigenwilligen und widersprüchlichen Menschen zeichnet jetzt in einem lesenswerten Buch der Augsburger Ruhestandspfarrer Christian Blendinger. "Nur Gott und dem Gewissen verpflichtet" beruht auf Zeugnissen von Zeitgenossen Steinbauers und dessen eigenen Aufzeichnungen. Unaufdringlich kommentiert Blendinger das Geschehen und ordnet es ein. Er macht deutlich, hier hat ein Mensch gradlinig, "frei und redlich" der Obrigkeit gegenüber seine Meinung vertreten, aber er taugt nicht zum Heiligen.
Im Jahr 1906 wird Karl Steinbauer im Pfarrhaus in Windsbach geboren. Sein Vater erzieht ihn streng nationalistisch. Zeit seines Lebens gehört Karl einer Burschenschaft an. 1931 tritt er in die NSDAP ein, ein gutes Jahr später gibt er aber sein Parteibuch wieder zurück. Als Steinbauer 1940 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen wird, kommt er zur Wehrmacht an die Ostfront. Es ist ihm selbstverständlich, mit der Waffe seine Pflicht für das Vaterland zu tun.
Einen ständigen "Kampf" führt Steinbauer mit seiner Landeskirche und besonders mit Landesbischof Meiser. Er nimmt ihm gegenüber kein Blatt vor den Mund. Bis nach dem Krieg kritisiert er dessen Haltung während der Nazizeit in harschen Worten. Als "besorgter Christ, der wieder einmal nicht zu schweigen wagt", erhebt Karl Steinbauer auch in der Bundesrepublik die Stimme. jo´ä
"Nur Gott und dem Gewissen verpflichtet. Karl Steinbauer - Zeuge in finsterer Zeit" von Christian Blendinger, Claudius-Verlag, München 2001, 35 Mark.
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