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"Wenn Gott nicht definiert wird,
gibt es ihn"

Interview mit Reinhold Messner

    Welche Rolle spielt Religion im Leben der Bergvölker?

Religion begleitet ihren Alltag. Am ausgeprägtesten ist die Religiosität bei den Bergvölkern in Tibet. Dort waren vor der chinesischen Besatzung ein Drittel der Menschen Mönche oder Nonnen. Die Bevölkerung dort leidet sehr darunter, dass China versucht, ihr die Religion wegzunehmen.

    Was ist das verbindende Element, der "Gleichklang" in der Religiosität der Bergvölker?

Die Menschen in den Bergen zeigen eine große Demut, ein Mitgefühl mit der Schöpfung und dem All. Das Göttliche äußert sich für sie in der Natur.

    Beeinflusst Sie die Religiosität der Bergvölker? Übernehmen Sie etwas davon für Ihr Leben?

Ich habe Respekt vor allen Religionen. Als Kind wurde ich christlich erzogen, bin aber heute Pantheist. Was Gott betrifft, lasse ich alles offen. Nur, wenn Gott nicht definiert wird, gibt es ihn. Ich denke, Jesus war ein ungemein intelligenter Mann, der eine Religion gestiftet hat. Er hat eine gute Soziallehre entworfen, die sich bis heute halten konnte. Wir haben in Europa die besten sozialen Verträge, das wäre ohne das Christentum als Basis nicht möglich gewesen. Trotzdem glaube ich nicht, dass Jesus Gott ist. Ich ordne mich der Schöpfung als göttliche Dimension unter. Ich brauche den Glauben nicht, um zu wissen, dass es das Göttliche gibt.

    Was war auf Ihren Reisen das faszinierendste Erlebnis mit Religion?

In Pangboche habe ich einmal einen greisen Lama bei der Meditation in seiner Hütte betrachtet. Ich dachte zunächst, er würde schlafen oder sei tot, so friedlich wirkte er. Als seine Hand plötzlich den Trommelschlegel schwang, bin ich sehr erschrocken. Die kontemplative Stimmung in der winzigen Enklave nahm mich so gefangen, dass ich erst nach einer Stunde wieder fort ging.

    Sie wollen dem Europäischen Parlament, in dem Sie seit 1999 Abgeordneter sind, eine "Wertecharta der Berge" vorlegen. Was beinhaltet sie?

Den Erhalt von Kultur- und Naturlandschaft in den Alpen. Berghöfe unterhalb der Baumgrenze sollen durch Straßen erschlossen werden, um die Landflucht zu stoppen und einen sinnvollen Tourismus zu ermöglichen, der zum Unterhalt der Bergbauern beiträgt. Gleichzeitig soll oberhalb der Baumgrenze keine neue Infrastruktur mehr geschaffen werden. Die Stadtkultur darf nicht in die Berge transportiert werden, da Werte wie Stille, Größe, Erhabenheit sonst verloren gehen. Die Wildnis muss ihren Reiz behalten, sonst geht niemand mehr hin. Nur in der Summe von Kultur- und Naturlandschaft sind die Berge wertvoll.

    Wohin führt Ihre nächste Expedition?

2004 werde ich im Alleingang eine große Wüste durchqueren. Welche, sage ich noch nicht.

Interview:Petersen


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R. Messner

  Reinhold Messner
(Foto: Messner)