Reinhold Messners neues Buch zeigt Lebensgewohnheiten der Bergbewohner in aller Welt
Die Spur der Bergvölker verweht
Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2002 zum "Internationalen Jahr der Berge" ausgerufen. Schon jetzt, im Bücherherbst 2001, leistet der Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner seinen Beitrag zu diesem Veranstaltungsjahr. Sein neuer Bildband "Bergvölker. Bilder und Begegnungen" zeigt Menschen, die in allen Gebirgen der Welt, von den Alpen über die Anden bis zum Himalaya, zu überleben versuchen. Unzählige Mosaiksteinchen aus dem Alltag der Kurden, Hunza, Massai und Südtiroler Bergbauern fügen sich zu einer eindrucksvollen Hommage an das einfache Leben im Glanz und Schatten der Berge.
"Mein Focus hat sich mit dem Alter von den Gipfeln auf die Menschen verlagert", erklärt Messner, der 1978 als erster Mensch den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hat, sein Interesse an den Bergvölkern.
Seine Kindheit in einem südtiroler Bergdorf machte ihn mit dem Lebensrhythmus vertraut, den jedes Gebirge seinen Bewohnern aufzwingt. "Ich war deshalb nicht überrascht, dass ich in den Anden einen ähnlichen Rhythmus vorfand", sagt der 56-Jährige. Immer wieder hat er auf seinen Reisen einen Gleichklang zwischen den Bergvölkern der Erde festgestellt.
So ist ein tibetischer Melkschemel zwar aus einem anderen Material gefertigt, er hat aber die gleiche Form wie in Südtirol, "denn die Arbeit ist ja die gleiche." Und auch im tibetischen Hochland dienen Geranien, die typischen Balkonblumen der Alpen, als sommerlicher Fensterschmuck. Aber auch die Probleme sind überall ähnlich: Nahrung für Mensch und Tier muss für die kalte Jahreszeit gespeichert werden, es gibt keine Infrastruktur, die tiefer gelegenen Märkte können nicht erreicht werden. Wenn doch, so können die Bergbauern mit ihrem aufwändigen Anbau und dem kargen Ertrag nicht mit den Herstellern aus den Niederungen konkurrieren.
"In unserer globalisierten Welt werden die Bergvölker immer stärker an den Rand gedrängt", fasst Messner zusammen. Dabei erfüllen die Bergbewohner eine wichtige Rolle als Landschaftspfleger. "Eine Landschaft, die jahrtausendelang von Menschenhand gepflegt wurde, braucht diese Pflege auch weiterhin", betont Messner. Sobald die Menschen in die Städte ziehen, beginnt der Berg zu veröden. Von saftigen Bergalmen bleiben nur erodierte Steinhalden, die keinen Platzregen, keine Lawine mehr auffangen können. Reinhold Messners Buch wirft Schlaglichter auf persönliche Erlebnisse, auf politische und wirtschaftliche Bedingungen und damit auf gewaltige Gefahren und winzige Chancen. Das "herbe Paradies" der Bergvölker droht unterzugehen. Messner will mit seinem Buch "ein Bild der Bergvölker zeichnen, ehe ihre Spur verweht". pet´ Reinhold Messner, "Bergvölker. Bilder und Begegnungen", blv-verlag, 69 Mark.
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