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Eine Erinnerung an das World Trade Center

Einsturz ins Tal der Tränen

Von Waldemar Pisarski

Was da geschah, betrifft viele ganz persönlich, uns alle aber "kollektiv". Wie geht man mit diesem globalen Unglück um, wie kann man so etwas unermesslich Schlimmes "verarbeiten"? Eine seelsorgerliche Einlassung des Sonntagsblatt-Sprechstunden-Pfarrers Waldemar Pisarski, der noch vor einem knappen Monat selbst auf dem World Trade Center stand: Es war ein herrlicher Urlaub. Drei Wochen in New York City. Mitten in Manhattan. Ein Traum, der in Erfüllung gegangen war. Noch nie hatte ich diese Stadt - es war mein siebter Besuch - so gastfreundlich, so weltoffen, so sauber und so friedlich erlebt. Vor einigen Jahren noch, da gab es ganze Stadtviertel, die man eher meiden musste. Überfälle und Gewalt waren an der Tagesordnung. Vielerorts türmte sich der Müll. Schmierereien und Verwüstungen wohin man sah.

All dies hat sich geändert. New York machte Spaß in diesem Sommer. Und so kauften wir uns, meine Frau und ich, den "Fun-Pass" dieser Stadt. Ein Angebot des Touristenbüros, das den Besuch dreier Museen und zweier Wolkenkratzer umfasste, das Empire State Building und das World Trade Center.

Donnerstag, der 23. August. Am Morgen schlug ich noch mein Losungsbüchlein auf. Ein Wort des Propheten Jesaja. "Herr, du bist mein Gott, dich preise ich; ich lobe deinen Namen, denn du hast Wunder getan." (25,1).

Nach dem Frühstück ziehen wir los. Zur nächsten U-Bahnstation und dann "downtown", nach Süden. Vor dem Einlass des World Trade Center eine lange Schlange. Strenge Sicherheitsvorkehrungen. Aber niemand reagiert unwirsch. Seit dem Bombenanschlag 1993 hatte man viel Verständnis für solche Vorsichtsmaßnahmen.

Gute zwei Stunden später haben wir die Kontrolle passiert. Mit dem Aufzug nach oben. In 58 Sekunden zum 107. Stock. Mehr als 400 Meter über dem Erdboden. Ein überwältigendes Panorama. Ein Wunder, das uns verstummen ließ. Der Blick nach Süden. An der Freiheitsstatue vorbei und dann hinaus aufs weite Meer. Nach Norden zum Central Park, der wie ein grüner Teppich daliegt. Nach rechts zu den Brücken nach Brooklyn. Nach links hin zum Bundesstaat New Jersey. Und immer wieder nach unten. Wie winzig die Fußgängerströme von hier aus wirken. Oder die gelben Taxis, die sich so frech durch den Verkehr schlängeln.

Der Blick in die unmittelbare Nachbarschaft. Grünflächen sind hier entstanden. Menschen, die Zeitung lesen oder das mitgebrachte Sandwich verzehren. Ein heiteres, ein unbeschwertes Bild. Immer wieder einmal ein Spielfeld, auf dem ein Volleyballturnier stattfindet oder auf dem ein paar Buben Basketball spielen. Direkt am Ufer des Hudson River eine neue Promenade. Spaziergänger, Radfahrer, junge Leute auf ihren Skateboards und Rollerblades. Man nimmt Rücksicht und kommt gut miteinander aus.

Dienstag, der 11. September. Wir sind gerade ein paar Tage zurück. Ein Seminar in Nürnberg. In der Mittagspause ein kurzer Spaziergang durch die Fußgängerzone. Mein Handy klingelt. Weißt du schon, was in New York passiert ist? Wie betäubt gehe ich weiter. Das ist doch unfassbar! Das darf doch nicht sein!

In einem Jeansgeschäft ein Fernsehgerät, das auf den Nachrichtensender CNN geschaltet ist. Lange stehe ich vor dem Bildschirm. Irgendwann habe ich begriffen: Das World Trade Center gibt es nicht mehr!

Zu Hause die E-Mail einer Freundin, mit der wir noch vor ein paar Tagen zum Lunch zusammen waren. "Just wanted to let you know I am alive. Pray for the victims." Ich bin am Leben. Betet für die Opfer.

"Herr, du bist mein Gott, dich preise ich; ich lobe deinen Namen, denn du hast Wunder getan." Die Bibel ist überschwänglich im Lob Gottes. Es gibt so viel Wunderbares auf dieser Welt, und all das will beschrieben und besungen werden. So war es für uns am 23. August.

Die Bibel ist aber auch voller Intensität und Kraft in ihrer Trauer. Leid soll uns nicht verstummen lassen. Man soll davon erzählen. Wieder und wieder. Soll allen Schmerz herausweinen, herausschreien. Bilderreich, farbenreich, gefühlvoll. "Mein Gebein klebt an meiner Haut vor Heulen und Seufzen. Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern. Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dach. Asche esse ich wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen." (Aus dem 102. Psalm)

Meine Verzweiflung über die vielen Toten. Ich muss sie nicht herunterschlucken. Meinen Zorn über das sinnlose Morden. Ich kann ihn herausschreien. Dass ich mich elend fühle, unsagbar elend, ich kann es beschreiben. So ist es seit dem 11. September.

Und noch etwas. Die Bibel weist über unsere Worte hinaus. Weist hin auf Zeichen, Gesten, Gebärden. Den Körper mitsprechen lassen. Die Haare raufen, sich geißeln, sich im Staub wälzen, fasten, die Kleider zerreißen. Ausdrücken, was sich eindrücken will. Wir nehmen diese Tradition auf, wenn wir Kerzen anzünden, Blumen niederlegen, uns verneigen, niederknien oder schweigend stehen.

Neben der Klage des Einzelnen kennt die Bibel auch die Trauer eines ganzen Volkes. "Unsere Krone ist entweiht. Unsere Mauern liegen zerstört, unserem Glanz hast du ein Ende gemacht. Wie lange noch willst du dich so verbergen?" (Aus dem 89. Psalm). Und auch in dieser Tradition stehen wir, wenn wir durch die Straßen ziehen, wenn wir Gottesdienste feiern, in denen wir unser Leid klagen und nach Gott fragen.

Vergeltung?

Manche der alten Psalmen schreien nach Rache und Vergeltung. Einfühlbar und verständlich. Auch heute. Und dennoch wäre es schlimm, wenn wir auch diese Tradition aufnähmen. Hier hat die Menschheit in der Zwischenzeit einen Reifungsschritt gemacht. Nicht zuletzt durch Jesus von Nazareth. Er benennt das Unrecht, mit aller Deutlichkeit, aber er ruft nicht nach Rache.

Was uns heute teuer ist, Offenheit, Transparenz, Liberalität, Gerechtigkeit, Machtaufteilung und Machtkontrolle, all dies hängt auch mit ihm zusammen. Aktion und Reaktion, Aggressivität und Gegenaggressivität, Übergriff und Vergeltung, das sind die alten Muster, die nicht mehr gelten dürfen.

Gerade Christen sind jetzt herausgefordert. Wir wollen trauern, beten, helfen, wo immer wir können. Wir dürfen überschwänglich in unseren Gefühlen sein. Aber in unseren Handlungen gilt es Besonnenheit zu wahren. Vorverurteilungen ganzer Nationen, pauschale Verdächtigungen anderer Religionen sind der Person und der Botschaft Jesu unwürdig. Wir dürfen nicht hinter das zurück, was wir uns im Umgang miteinander erarbeitet haben.

Gerade dann nicht, wenn Menschen in ihrem Fanatismus und ihrer Brutalität all das in Frage stellen. Wir dürfen nicht hinter Jesus zurück.


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(Foto:epd)