Deutsche Gemeinde in New York
Bewältigung des Unfassbaren
Von Markus Springer
Die deutsche evangelisch-lutherische Gemeinde New York liegt in Manhattan, ganz in der Nähe des Katastrophengebiets. Die Terroranschläge haben auch in ihr tiefe Spuren hinterlassen.
Langsam kehrt so etwas wie Normalität in die schwer getroffene Stadt zurück. Wenige Tage nach den verheerenden Terroranschlägen fahren S- und U-Bahnen schon fast wieder fahrplanmäßig nach Manhattan. Unter dem Schulterklopfen und dem Applaus der anderen Fahrgäste kommen in ihnen auch frische Feuerwehrleute und Hilfskräfte zum Katastrophengebiet. Trotzig feiert New York diejenigen, die weiterhin unermüdlich dem Grauen des Massengrabs aus Stahl- und Betonteilen entgegentreten, dort wo einmal die stolzen Türme des World Trade Center standen.
Unter den Fahrgästen ist auch Sönke Schmidt-Lange (62), Pfarrer der deutschen evangelisch-lutherischen Gemeinde von New York. Der gebürtige Münchner ist auf dem Weg zu seinem Pfarrbüro. Kirche und Gemeinde der "German Evangelical Lutheran Church of St. Paul" liegen nur wenige Straßen entfernt vom abgesperrten Katastrophengebiet im Süden Manhattans.
Schmidt-Lange, der im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die deutsche Gemeinde in New York betreut, steht noch unter dem Eindruck der Attentate. Als die Anschläge geschahen, hielt er gerade Religionsunterricht an der deutschen Schule von New York. "Gegen 10.30 Uhr", berichtet er, "hat der Direktor die Klassen der 5. bis 13. Jahrgangsstufe zusammengerufen und über das Unglück informiert." Auch Elternteile von Schülern der Schule arbeiteten im World Trade Center, und so sei auch für Schüler der Schule mit dem Schlimmsten zu rechnen gewesen. Dass nach seinem Gebet "wirklich die ganze Schulgemeinde gemeinsam das Vaterunser gebetet" habe, hat den Pfarrer sehr bewegt.
Schmidt-Lange und viele aus seiner Gemeinde helfen sofort, wo sie können. Privatunterkünfte für gestrandete deutsche Touristen, die wegen der geschlossenen Flughäfen nicht nach Hause kommen, werden organisiert und vermittelt. Ein Ehepaar aus Stuttgart ist darunter. Die beiden sind durch den Terroranschlag obdachlos geworden, da ihr Hotel in direkter Nähe des World Trade Center stand und evakuiert wurde. Nach einer in New Jersey, jenseits des Flusses, verbrachten Nacht hatten sich die Stuttgarter auf eigene Faust wieder auf die Insel Manhattan geschmuggelt, um an ihr Gepäck zu kommen, das im Hotel geblieben war und in dem sich wichtige Medikamente befanden. Im offen stehenden, verwaisten und völlig verstaubten Hotel haben sie sich dann ihre Koffer geholt und stehen nun im Gemeindehaus.
Wie viele Amerikaner auch, spenden Mitglieder der Gemeinde Blut. Eine Hilfswelle hat das ganze Land erfasst, und die Blutspenden gehen weit über den Bedarf hinaus.
In der Gemeinde melden sich mehr Helfer, als gebraucht werden. Eine Spendensammlung für das amerikanische lutherische Hilfswerk wird vorbereitet. Jeder möchte etwas tun, aber das Schreckliche ist nicht mehr ungeschehen zu machen.
Die Kirche bleibt Tag und Nacht offen, Schmidt-Lange steht für Gespräche bereit. Doch in den ersten Tagen nach dem Anschlag haben die Menschen in New York für stille Trauer noch keine Zeit. Noch packen alle an, versuchen zu helfen, so viel sie können. Viele bekämpfen ihr Entsetzen mit Aktivität.
Nach dem ersten Schock kommen Besucher in die Kirche, manche hat Schmidt-Lange bisher noch nie in der Kirche gesehen. Von einem deutschen Filmproduzenten, der schon lange in New York lebt, berichtet der Pfarrer. Der will in die Kirche, um dort zu beten, zu meditieren, wie er sagt. Es ist sein erster Besuch in der St. Pauls-Kirche. Mit seinem Weggang von Deutschland hat er, so sagt er, auch Abstand von Kirche und Glauben genommen. Nun zieht es ihn wieder in eine Kirche.
Die Solidarität in Europa, die vielen spontanen Gottesdienste, Gedenkfeiern und Friedensgebete, die in Europa, besonders in Deutschland, schon kurz nach dem Unglück gehalten wurden, seien auch in den USA nicht unbemerkt geblieben und bewegten die Menschen hierzulande, sagt Pfarrer Schmidt-Lange. Über das Pfarrbüro kämen unzählige Faxe und E-Mails an, in denen Deutsche ihre Anteilnahme, ihr Mitgefühl und ihre Trauer ausdrücken. Die Angst in Europa erschiene hingegen manchen übertrieben: "Befürchtungen vor einem weltweiten Krieg haben hier nur die wenigsten", sagt Schmidt-Lange.
In der benachbarten katholischen Gemeinde spanischsprachiger New Yorker hat einige Tage nach den Anschlägen ein erster Gottesdienst stattgefunden. Der Gottesdienst habe die Empfindungen der New Yorker gut widergespiegelt, meint Schmidt-Lange. "Es war ein patriotischer Gottesdienst, mit Nationalhymne." In der Stunde der Trauer rückten die Menschen zusammen, suchten Trost in der Gemeinschaft. In seiner Predigt habe der Priester dabei vor Vergeltung gewarnt und die Friedensvision des Jesaja, dass Schwerter zu Pflugscharen werden, in den Blick gebracht.
Der Gottesdienst in St. Paul am Sonntag nach der Katastrophe ist stark besucht. Etwa 200 Menschen sind in die St. Pauls-Kirche gekommen, mehr als dreimal so viele wie gewöhnlich. Das übliche Begrüßungshallo ist ausgeblieben, schweigend nehmen sich die Menschen in den Arm. Pfarrer Schmidt-Lange geht in seiner Predigt ein auf die Trauer, die Angst, Verzweiflung, Klage und Wut der Menschen. Und es geht ihm auch um die Frage, was das für ein Gott ist, der dieses Leid zulässt. "Wo ist Gott?" fragt auch der 22. Psalm, der gelesen wird. Und die Gemeinde singt "Vertreib durch deine Macht unsre Nacht" und "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend".
Der Tod ist anwesend in diesem Gottesdienst: Pfarrer Schmidt-Lange fragt die Gottesdienst-Gemeinde, ob Opfer zu beklagen sind. Vier Menschen stehen auf und berichten von Freunden, die unter den Toten sind. Einer hat seinen Cousin verloren, der Elektriker in einem der Türme war und nun unter den Schuttbergen wenige Straßen entfernt begraben liegt. Viele bleiben nach dem Gottesdienst zum üblichen Kirchenkaffee mit selbst gebackenen Kuchen. Die Gespräche gehen weiter. Wird es Krieg geben? Wird Amerika vorschnelle, blutige Rache nehmen? Wer ist verantwortlich, und was ist zu tun? Werden die Muslime zum Sündenbock gemacht, jetzt, wo erste Übergriffe auf Moscheen oder erkennbar muslimische Menschen aus dem Land berichtet werden? Die wichtigsten Sorgen betreffen aber Freunde und Nachbarn. Wer ist betroffen, wird vermisst? Was können wir tun? Der Terror-Dienstag hat in der St. Pauls-Gemeinde tiefe Spuren, schreckliche Gewissheiten und viele Ungewissheiten hinterlassen.
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