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"In der Welt habt ihr Angst..."

Christsein in der Bewährung

Von Helmut Frank

Die Kirchen sind Tag und Nacht geöffnet, Menschen versammeln sich zu Friedensandachten oder zum stillen Gebet. Seit den Terroranschlägen in den USA gibt es eine neue Hinwendung zum christlichen Glauben - einem Glauben, der jedoch für viele Christen nicht mehr derselbe ist wie vorher.
Viel ist nach den Terrorangriffen in den USA von Bewährung die Rede. Das mit dem World Trade Center getroffene Welt-Finanzsystem muss sich bewähren, die Geheimdienste, die nun nach den Schuldigen suchen, erst recht die Streitkräfte, die nun einen Krieg gegen Terroristen gewinnen sollen. Welche Bewährungen stehen jedoch dem christlichen Glauben bevor?

Sind die Kirchen allein deshalb voll, weil das Böse - in der Theologie längst entmythologisiert - der Welt sein Gesicht gezeigt hat? Oder wiegt die Sehnsucht nach Leben, nach Heil und Frieden stärker? Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat in nationalsozialistischer Haft erkannt, dass wir Gott nicht zum Lückenbüßer machen können. "Nicht erst an den Grenzen unserer Möglichkeiten, sondern mitten im Leben muss Gott erkannt werden; im Leben und nicht erst im Sterben." Den Grund dafür sieht Bonhoeffer - am Ende selbst Opfer von Terror und Gewalt - in der Offenbarung Gottes durch Jesus Christus. "Sie geschah mitten in unser Leben hinein, er ist die Mitte des Lebens." Mit radikalen Konsequenzen: Jesus ruft nicht zu einer Religion auf, sondern zum Leben.

In vielen Predigten zu den Ereignissen in den USA wurde betont, dass Gott ein Gott des Lebens ist, dass er in der Person Jesu Christi den Tod am Kreuz überwunden hat und zum Leben auferstanden ist. Augenfällig ist: Anders als bei vorhergehenden Katastrophen wird die Frage "Warum lässt Gott das zu?" nicht gestellt. Gott wird nicht angeklagt, sondern angerufen: Am Tag nach dem Attentat titelte die Bild-Zeitung, Stimmungsbarometer der Nation, mit der Schlagzeile "Großer Gott, steh uns bei".

Wie bei den New Yorkern ist auch in der christlichen Gemeinde ein Zusammenrücken zu spüren. Fast scheint es, als werde der christliche Glaube sich seiner selbst bewusst. Christen spüren, dass sie nicht für sich alleine glauben, sondern an den Nächsten verwiesen sind: Mit den Trauernden zu trauern, mit den Sprachlosen zu beten, das Evangelium von Jesus Christus zu predigen. Der Anschlag wirkt wie ein memento mori in der Spaßgesellschaft, ein Fanal gegen Lauheit, Sattheit und Selbstbezogenheit.

Christen sollten sich bewusst sein, wie wichtig in der momentanen Gefährdung des Lebens die christliche Hoffnung ist, wie wichtig in der Gefährdung der Zivilgesellschaft die Solidarität ist, wie wichtig in der Gefährdung des Friedens Gerechtigkeit ist und in einem Vergeltungskrieg die Feindesliebe. Christen, scheint es, stehen vor einer großen Herausforderung - die Zusage Jesu gilt dabei: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."


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(Foto:epd-bild)