Eine Erzählung von Maleen Hartung
Auf Wiedersehen, Marie
Eines Abends nach dem Gutenacht-Kuss hielt Max seine Mutter fest und sagte: "Mama, du bist doch verliebt in Papa." "Ja, und er in mich", sagte sie. "Wie ist denn das, Mama?"
"O, da habe ich so ein Kribbeln im Bauch, und ich will Papa oft anschauen, weil er mir so gefällt. Und er schenkt mir manchmal was."
"Mama, dann bin ich verliebt, ich weiß es genau", rief Max.
Am nächsten Tag in der Schule konnte sich Max überhaupt nicht konzentrieren. Vor ihm saß Marie. Ihre schwarzen Zöpfe glänzten und trugen rote Schleifen. Als sie sich einmal umdrehte, kribbelte es in seinem Bauch.
In der Pause wartete er auf einen günstigen Augenblick, um sie unbemerkt von den anderen zu fragen: "Hast du Lust, heute mit mir Fahrrad zu fahren? Vielleicht zum Weiher?". "Schon", sagte Marie, "aber ich glaube, es geht nicht."
"Erlaubt es deine Mutter nicht?" "Doch, aber ich bin immer so müde." Das konnte Max nicht verstehen. Er war nie müde am Tag.
Auf dem Heimweg von der Schule kam er am Kaugummi-Automaten vorbei. Durch das kleine Fenster im Automaten sah er den silbernen Ring mit dem blauen Stein. Den wollte er.
Ein paar Münzen hatte er schon eingeworfen, aber es kamen nur bunte Kugeln. Dann endlich hielt er den Ring in seiner Hand. Der blaue Stein leuchtete in der Sonne.
Am nächsten Tag in der Pause wartete Max wieder auf einen unbeobachteten Augenblick. Marie stand am Zaun.
Als er auf sie zukam, lächelte sie und sah den Ring in seiner Hand. "O, ist der schön!", rief sie: "Gehört dir, aber sag's keinem!", flüsterte Max. Er passte genau auf ihren Mittelfinger, und sie sagte: "Vielleicht fahre ich nächste Woche Fahrrad mit dir."
Sie hatten beide nicht bemerkt, dass Friedrich in der Nähe stand. "Der Max ist verknallt in die Marie!", schrie er den anderen zu.
Alle lachten und kreischten. Max erschrak. Er wurde rot. Marie schaute auf den Ring, als Max wegging.
In der nächsten Woche war Marie nicht in der Schule. Max sah in Gedanken ihre schwarzen Zöpfe. Sie kam auch in der zweiten Woche nicht. "Marie ist sehr krank", sagte die Lehrerin.
Max war ganz durcheinander. Als er eines Tages hörte, Marie sei im Krankenhaus, wollte er sie besuchen. Er hatte sie viele Wochen nicht mehr gesehen. Seine Mutter fuhr ihn zur Klinik. Er hatte vom Taschengeld ein kleines Kuscheltier gekauft. Seine Mutter brachte ihn zu Maries Zimmer, ließ ihn aber allein hineingehen.
"Hallo, Marie! Wo sind denn deine Haare?"
"Ausgefallen, aber die wachsen wieder", sagte sie.
"Was hast du denn?", fragte Max.
"Das heißt Leukämie. Blutkrebs."
Max erschrak furchtbar.
"Kann man da sterben?", fragte er. "Manchmal schon", sagte Marie.
"Ich habe dir etwas mitgebracht."
Max gab ihr das kleine Päckchen. Als sie es ausgepackt hatte, lächelte sie Max an. Sie sah so müde aus und so zart.
Max wurde traurig.
"Wenn ich wieder gesund bin, fahren wir zusammen Fahrrad", sagte Marie.
"Ja", sagte Max, "und wenn nicht?"
Er hatte Angst so zu fragen, aber er konnte nicht anders.
"Ich weiß nicht", sagte Marie leise.
"Wenn ich sterbe, bin ich eben woanders."
"Wie denn? Wo denn?" fragte Max.
"Meine Mutter sagt, das Leben hört nie auf."
Marie musste lachen. Und ebenfalls lachend sagte Max: "Besuchst du mich dann als Geist?" Dann wurde er wieder traurig.
"Du sollst nicht sterben, Marie!"
Sie antwortete: "Meine Mutter sagt, man geht wie durch eine Türe in ein ganz neues Leben. Es sei so schön, dass man nie mehr traurig wird."
Max war aufgewühlt.
"Du redest, als würdest du gerne sterben."
"Nein", sagte Marie, "ich würde so gerne mit dir Fahrrad fahren und am Weiher sitzen, und es wäre mir ganz egal, wenn die anderen lachten."
Da klopfte Maxens Mutter an die Türe und kam herein. "Wir müssen gehen, Max." Beide verabschiedeten sich von Marie.
"Auf Wiedersehen, Marie!"
"Auf Wiedersehen, Max!"
Sie sahen sich nie wieder.
Unerwartet schnell war Marie gestorben.
"Gehe nicht auf die Beerdigung", sagte die Mutter zu Max. "Das ist so traurig."
"Aber ich will", sagte Max, "Marie war meine Freundin."
Die Mutter begleitete ihn.
Die Beerdigung war wirklich furchtbar traurig. So viele Leute weinten. Max kämpfte gegen die Tränen, aber er schaffte es nicht.
Der Schulchor sang ein Lied, das tröstete die Leute ein wenig.
Marie lag in einem kleinen, weißen Sarg, der verschwand mit all den Blumen drauf tief in der Erde.
"Erde zu Erde...", sagte der Pfarrer "...und Staub zu Staube."
Drei Mal warf er Erde in das Grab. "Jesus Christus wird dich aufwecken!" und "Gott wird alle Tränen abwischen."
Max dachte: "Wenn Gott die vielen Tränen sieht, ob er dann auch weint?"
Als er vor dem Grab stand, warf er den kleinen Blumenstrauß hinunter und auch einen Brief. Darin war ein selbst gemaltes Bild mit einem wunderschönen Garten, in dem fuhren Marie und Max mit dem Fahrrad.
Darunter hatte er geschrieben: "Viel Glück im neuen Leben. Auf Wiedersehen, Marie!"
MALEEN HARTUNG

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Maleen Hartung Foto: VELKD

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Mit ihrer Erzählung «Auf Wiedersehen, Marie» hat die Religionspädagogin Maleen Hartung aus Leinburg bei Nürnberg den dritten Preis des von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) ausgeschriebenen Geschichtenwettbewerbs gewonnen. Insgesamt hatten 153 Autorinnen und Autoren 231 Texte zum Thema «Erzähl mit vom Glauben» eingereicht. Die besten Texte zu Taufe, Beerdigung, Abendmahl, Schöpfung, Sonntag, Weihnachten, Ostern und Pfingsten sollen in ein Vorlesebuch aufgenommen werden, das Anfang 2002 erscheint.
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