Vor 40 Jahren wurde Dag Hammarskjöld ermordet
Generalsekretär, Gottsucher, Mystiker
Von Stephan Mögle-Stadel
Er diente weder dem Osten noch dem Westen, sondern Gott: Dag Hammarskjöld, Generalsekretär der Vereinten
Nationen. Am 17. September vor 40 Jahren wurde der außergewöhnliche Politiker ermordet.
Die Diplomaten werden Dag Hammarskjölds mit einer Schweigeminute gedenken, wenn nach der Sommerpause am 17. September in New York die neue Vollversammlung der Vereinten Nationen (UN; UNO) eröffnet wird. Vor 40 Jahren, am 17. September 1961, starb der bislang erfolgreichste Generalsekretär der 1945 gegründeten UN bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz nahe Ndola in Nordrhodesien (heute Sambia).
Hammarskjöld war zu diesem Zeitpunkt schon für den Friedensnobelpreis nominiert. Der Preis wurde ihm posthum verliehen - als Menschenrechtler, als Gründer der UN-Blauhelme und als Anwalt der Dritten Welt im Prozess der Entkolonialisierung. Er blieb der einzige Chefdiplomat der UN, der sich, 1956 in der Suez-Kanal-Krise, einem Veto im UN-Sicherheitsrat entzog und seinen Vorschlag der Gründung einer neutralen Blauhelmtruppe direkt der Vollversammlung vorlegte.
Inspiriert von den Schriften und der Persönlichkeit Nathan Söderbloms (1866-1931), des evangelisch-lutherischen Erzbischofs von Uppsala, erwog er in jungen Jahren einmal, Theologie zu studieren. Söderblom, ein führender Theologe des ökumenischen und interreligiösen Dialogs, war mit den Eltern Hammarskjölds eng befreundet und zeitweise der Religionslehrer ihrer vier Söhne. In Hammarskjölds Bibliothek fand sich Söderbloms Werk "Von der Wirklichkeit Gottes", und darin markiert der Satz: "Der Christ lässt Gott sein Leben verdichten."
"Nennen Sie mich einfach Hammerschild"
Als Dag geboren wurde, befand sich Schweden am Rande eines kriegerischen Konflikts. Er resultierte aus der militanten Forderung Norwegens nach Auflösung der von Schweden dominierten Union beider Länder. Sein Vater Hjalmar, Schwedens Chefdelegierter bei den Haager Friedenskonferenzen und zeitweise Richter beim Internationalen Schiedsgericht in Den Haag, war als Justizminister einer jener vier Kommissionäre Schwedens, die zur friedlichen Konfliktbeilegung in die Grenzstadt Karlstad gesandt wurden.
Die Verhandlungen über Krieg und Frieden verzögerten die Taufe des Neugeborenen bis zur Rückkehr des Vaters Mitte September. Das Taufgeschenk der anderen drei Unterhändler war ein silberner Kelch mit der Inschrift "Für den, der so lange ohne Namen blieb" und der Einprägung des Famlienwappens: die Reichskrone thronend auf einem Schild ("skjöld"), in dessen Mitte sich zwei Hämmer ("Hammar") kreuzen, umgeben von vier Weltkugeln. Der Kelch steht heute in einer Glasvitrine in dem zum Museum umgebauten südschwedischen Landhaus von Hammarskjöld.
Ostern 1953 wird Hammarskjöld zum UN-Generalsekretär gewählt. Bei seiner ersten Pressekonferenz zum Amtsantritt in New York wird er seiner Taufe und seinem Wappen eine kosmopolitische Bedeutung geben. Auf die Frage eines Journalisten nach der richtigen Aussprache seines Namens, antwortet er: "Nennen Sie mich einfach Hammerschild." Er erklärt der Presse seine Absichten, die er mit den UN verbindet: "Schmiedehammer für die Realisierung der UN-Charta und der Erklärung der Menschenrechte und Schutzschild für die kleinen und blockfreien Staaten" zu werden.
In der Radiosendung "That I believe" spricht er nun über Humanismus und Christentum: "Die beiden Ideale, welche die Welt meiner Kindheit beherrschten, sind mir, in völliger Harmonie und den Forderungen unserer heutigen Welt angepasst, in der Ethik Albert Schweitzers entgegengetreten." Es kommt zu einem Briefwechsel und zu einer Begegnung Hammarskjölds mit Schweitzer. Er wird neben Martin Buber und St. John Persé zu einem wichtigen Ratgeber.
"Ein Mann, der lieber zweiter als erster Klasse reist"
Als die Wahl des Beamten Hammarskjöld bekannt gegeben wird, warnt der Publizist Gösta von Uexküll am 9. April 1953 in der Zeitung Die Tat: "Die UNO bekommen einen Manager." Dreieinhalb Jahre später, Hammarskjöld hatte mittlerweile dem FBI und dem CIA Hausverbot bei der UNO erteilt und die britisch-französischen Besatzungstruppen mittels der Blauhelme vom Suez-Kanal entfernt, entschuldigte sich Uexküll in der Zeit unter der Überschrift "Kosmopolitiker Hammarskjöld": "Dass Dag auf beides zusteuern würde - überstaatliches Recht und überstaatliche Macht -, das hätte niemand gedacht. Ein Mann, der lieber zu Fuß geht als Auto fährt, lieber zweiter als erster Klasse reistâ.â.â. Wer weiß schon, wie ein Staatsmann aussehen muss, der nicht zwischen und nicht in, sondern über den Nationen steht."
Auch ein "UNO-Manager" kann zur Person werden, durch welche die Stimme der Menschheit und der Gottheit hindurchtönt. Hammarskjöld ließ in einer Rede an der Universität von Chicago durchblicken, dass es sinnvoll sei, wenn die politischen und die sozialen Menschenrechte als Teil einer zukünftigen Weltverfassung von den Weltbürgern gegenüber den Staaten und Großkonzernen einklagbar wären. Als er versuchte, die alten Kolonialmächte aus Afrika hinauszukomplimentieren und die neuen Supermächte von Afrika fern zu halten, warfen ihm Charles de Gaulle und Andrei Gromyko vor, er benehme sich wie der Ministerpräsident einer Weltbürgerregierung und nicht wie ein folgsamer Generalsekretär. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Geist und Macht beschrieb Eric Goldman 1964 in seiner Rezension des posthum erschienenen Tagebuches Hammarskjölds in der International Herald Tribune: "Er hatte weder dem Osten noch dem Westen zu dienen, er diente Gott."
Sein Tagebuch "Zeichen am Weg" offenbart ihn selbst als Gottsucher. Zuvor schon verwies er auf seinen Erkenntnis- und Gebetsweg in der Radiosendung "That I believe": "Die Erklärung aber, wie der Mensch ein Leben aktiven gesellschaftlichen Dienens in vollkommener Übereinstimmung mit sich selbst als Mitglied der Gemeinschaft des Geistes leben soll, habe ich in den Schriften der Mystiker gefunden."
Als er 1961 über 20000 Blauhelme mobilisierte, um den Völkermord in der kongolesischen Uranbergbau-Provinz Katanga zu stoppen, wurde sein UN-Flugzeug von franko-belgischen Söldnern abgeschossen, im Auftrag des multinationalen Konzerns "Union Minière du Haut-Katanga" und unter Beteiligung des britisch-südafrikanischen Geheimdiensts.
Auch wenn die Faktenlage eine deutliche Sprache spricht, wurde offiziell immer nur von einem "unaufgeklärten Vorgang" gesprochen. Im August 1998 veröffentlicht die südafrikanische Wahrheitskommission unter Leitung von Erzbischof Desmond Tutu Dokumente, welche die Hintergründe des Mordkomplotts ans Tageslicht bringen.
Pfingsten 1961 notierte er in sein Tagebuch: "Auf dem weiteren Weg lernte ich, dass hinter jedem Satz des Helden der Evangelien ein Mensch und die Erfahrung eines Mannes steht. Auch hinter dem Gebet, es möge der Kelch von ihm genommen werden, und dem Gelöbnis, ihn zu leeren." In seinem Hotelzimmer in der Hauptstadt des Kongos fand man seinen Amtseid als UN-Generalsekretär eingetragen in die streng religiöse Schrift "Die Nachfolge Christi" des Mystikers Thomas von Kempen.
Die Geheimdokumente, die der Friedensnobelpreisträger Erzbischof Tutu im August 1998 den Medien übergab, offenbarten, welchen Codenamen die Geheimdienste der Zielperson ihrer Attentatspläne gaben: "Celeste" (Französisch für "Himmlischer"). Hammarskjöld erfüllte jene Zeilen in Söderbloms Werk "Von der Wirklichkeit Gottes" mit seinem Leben: "Der Christ lässt Gott sein Leben verdichten." Auch auf die Gefahr hin, dass die Mächte dieser Welt seinen Körper vernichten.
DAG HAMMARSKJÖLD
29. Juli 1905 Geburt im südschwedischen Jönköping
Ab 1923 Studium von Volkswirtschaft, Literatur- und Rechtswissenschaft. Dreifacher Doktor
1935 Staatssekretär im Finanzministerium. Zusammen mit seinem Bruder Bo, Staatssekretär beim Wirtschaftsminister, Ausarbeitung der Gesetzesvorlage für den schwedischen Sozialstaat
1941 Präsident der Schwedischen Reichsbank
1948 Vizepräsident der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OEEC, Paris)
1951 Stellvertretender Außenminister und Schwedens Chefdelegierter bei der UNO
7. April 1953 UN-Generalsekretär
1954 Aufnahme in das Literaturnobelpreiskomitee der Schwedischen Akademie 17. September 1961 gestorben nach einem Attentat auf sein Flugzeug bei Ndola (heute Sambia)
10. Dezember 1961 Posthum Verleihung des Friedensnobelpreises
BUCHTIPPS
Dag Hammarskjöld: Zeichen am Weg
(30. Neuauflage der Tagebücher),
Pattloch Verlag, München 2001,
25 Mark.
Stephan Mögle-Stadel:
Dag Hammarskjöld. Vision einer Menschheitsethik,
Urachhaus Verlag Stuttgart, 3. Auflage 2001,
252 Seiten, gebunden,
39,80 Mark.
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