Wie Religionsunterricht sein soll
Klasse statt Masse
Von Susanne Petersen
Das Kultusministerium hält Schulen dazu an, den Religionsunterricht effizienter zu organisieren. Bildungsexperten und Religionspädagogen protestieren: Die Vermittlung von Werten habe in großen Klassen keine Chance.
Am besten funktioniert die Vermittlung von Toleranz und Zivilcourage in kleinen Klassen. Doch viele kleine Klassen erfordern auch viele Lehrkräfte. Das ist dem Bayerischen Obersten Rechnungshof ein Dorn im Auge: Er bemängelte, dass im Freistaat Religionsklassen mit weniger als 15 Schülern existieren. Zum neuen Schuljahr wies das Bayerische Kultusministerium deshalb die Schulämter an, die bestehenden "Richtlinien zur Gruppenbildung im Religionsunterricht" konsequenter umzusetzen, kleine Klassen aufzufüllen und Religionsgruppen einzurichten, in denen Schüler aus verschiedenen Jahrgangsstufen sitzen.
Der Verband Evangelischer Religionspädagogen und -pädagoginnen Bayerns kritisierte diese Anweisung. Sie sei ein gesellschaftspolitisch falsches Signal. "Man kann nicht auf der einen Seite von Toleranz und Gewaltlosigkeit sprechen und gleichzeitig am Religionsunterricht sparen", sagte der Vorsitzende Michael Kaminski. Die Wertevermittlung, die der Religionsunterricht stärker als andere Fächer leiste, werde vor allem durch große Klassen erschwert.
Dabei stellt Kaminski keine überzogenen Forderungen: Ideal wären Gruppen mit 18 Kindern, aber auch Klassenstärken bis 26 Schüler hält er für "noch arbeitsfähig". Auch gegen Gruppen, in denen Schüler aus zwei benachbarten Jahrgangsstufen zusammen lernen, hat er keine Einwände.
Kritisch wird es, wenn Religionspädagogen wie Ute Fredel-Schuller Gruppen unterrichten müssen, die vier Jahrgangsstufen umfassen. Kinder von der dritten bis zur sechsten Klasse besuchen ihren Religionsunterricht an der Volksschule in Mertingen. Zwar ist die Gruppe mit etwa zwölf Schülern klein - den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden, verlangt von der Lehrerin aber einen pädagogischen Spagat.
Die 36-Jährige versucht, jedem Kind im Schuljahr wenigstens ein altersgemäßes Thema anzubieten. "Der Pflichtlehrplan für die einzelnen Jahrgangsstufen ist kaum einzuhalten", so die Pädagogin. Dennoch zieht sie die kleine Gruppe einer Klasse mit 33 Erst- und Zweitklässlern vor. "Da ist nur Frontalunterricht möglich", so Fredel-Schuller. Das Kind als Individuum komme zu kurz.
Günther Claeys, Religionspädagoge im Ostallgäu, spricht sich ebenfalls entschieden gegen voll belegte Religionsklassen aus. "In einer Gruppe mit 30 Schülern aus insgesamt 7 verschiedenen Klassen herrschen chaotische Zustände", so der 49-Jährige. Die Schüler würden sich kaum kennen, Konkurrenzkämpfe und Spannungen seien programmiert. Gerade der Religionsunterricht sei aber auf eine persönliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler angewiesen, "sonst kann ich das Fach vergessen."
Auch Oberkirchenrat Helmut Hofmann, Schulreferent der bayerischen Landeskirche, betont den Wert des Religionsunterrichts: "Er hat sich als wichtiger Ort für die Lösung von Schulkonflikten, auch beim Thema Jugendgewalt, erwiesen."
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