Barbara Dennerlein bringt den Jazz auf die Kirchenorgel
Wenn die Orgelpfeifen grooven
Von Michael Grau
Davon träumt so mancher Kirchenorganist: Wenn der Pastor nicht da und der Küster im Urlaub ist, dann einmal so richtig losjazzen! Barbara Dennerlein tut es ganz offiziell. Die 36-Jährige ist Deutschlands einzige professionelle Jazz-Musikerin, die auch die Orgelpfeifen swingen lässt.
Das tonnenschwere Instrument und die Leichtigkeit des Jazz zusammenzubringen, sei nicht einfach, erzählt sie: "Viele Jazz-Pianisten setzen sich schon mal an eine Orgel. Aber dann hapert es an der Pedaltechnik." Und wenn sich umgekehrt ein gestandener Kirchenmusiker am Jazz versuche, fehle es oft am nötigen Rhythmusgefühl.
Als eine der wenigen Jazzerinnen beherrscht Dennerlein das Pedalspiel, ihre Spezialität. Zunächst begann sie mit der "handlichen" Hammond-Orgel. Mit ihr feierte sie auch international Konzert-Erfolge, erspielte sich Preise und stürmte die Jazz-Charts. Die jüngste CD "Love Letters" kam im Sommer heraus.
1994 erhielt sie eine Anfrage, ob sie bei den Bach-Tagen in Würzburg nicht auch auf der Kirchenorgel spielen würde. Das scheinbar träge Instrument mit seinen vielen Hundert zum Teil meterhohen Pfeifen war ihr bis dahin völlig fremd. In ihrer Heimatstadt München begann sie, sich einzuspielen: "Dabei habe ich viele nette Kantoren und Organisten kennen gelernt." Ein ungewöhnliches Projekt begann, das bis heute andauert.
"Auf der Kirchenorgel erreiche ich ein ganz anderes Publikum als in der Jazz-Szene", erzählt sie. "Viele kommen, weil sie sich für das Instrument interessieren." Deshalb komponiert Dennerlein inzwischen Stücke speziell für Kirchenorgel: ruhige, fast sakrale Stücke, die durch ausgefeilte Harmonik und ungewöhnliche Register wirken, und einfache, muntere Stücke, bei denen sie fröhlich vor sich hin groovt, oft auch begleitet von Saxofon oder Percussion.
Die Kirchenorgel stellt hohe Ansprüche an einen Jazz-Spieler. Der Ton erklingt nicht gleich auf Tastendruck, sondern es dauert mitunter, bis sich irgendwo oben unter der Decke ein Ventil öffnet. Da kommt es auf das richtige Timing an: "Es geht um Millisekunden." Und anders als bei der Hammond-Orgel oder beim Klavier hat eine Orgelpfeife keinen Nachklang. Stattdessen muss man mit dem Hall in der Kirche zurechtkommen. Man kann eine Kirchenorgel auch nicht ab- und woanders wieder aufbauen, sondern muss sich mit jedem Instrument vor Ort neu vertraut machen.
Unter diesen Bedingungen Jazz zu machen, sei "harte Arbeit", sagt Dennerlein.
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