Ein Aussteiger berichtet aus der Neuapostolischen Kirche
"Das Ende ist nah - seid gehorsam!"
Von Klaus Leder
Jeder hat seinen Platz, jeder hat seine Aufgabe, und allen wird geholfen, solange sie die gleichsam gottgegebene Ordnung nicht unnötig hinterfragen, sondern gehorsam sind: Bericht aus dem Innenleben einer weithin unterschätzten Sekte, der Neuapostolischen Kirche.
Eine Mutter sieht sich in größter Seelennot. Denn ihr Sohn hat ihr gesagt: "Die Konfirmation wird mein letzter Gottesdienstbesuch sein." Mit Weinen und Beten bringt die Mutter die Sorge um ihr Kind vor Gott. Kurz vor der Konfirmation geht der Junge ins Schwimmbad, springt vom Sprungbrett, bricht sich das Genick und stirbt. Die Mutter dankt Gott für seine Liebe, dass er ihr Kind zu sich nahm, bevor es ihm untreu werden konnte.
Eine hanebüchene Geschichte, erzählt von einem Priester der Neuapostolischen Kirche (NAK) bei einem Konfirmationsgottesdienst. Die Moral wirkt grotesk. Was ist das für ein Gott: ein fanatischer Kleingeist, dem der Gottesdienst mehr wert ist als das Leben eines Kindes? Ein Wahnsinniger, der Mord für Liebe hält? Ein Zyniker, dem keine Mutter dieser Welt für seine Dienste dankbar sein könnte?
Was Außenstehenden absurd erscheint, wird in der Glaubenswelt der NAK verständlich. Der Gott der Sekte bestraft Vergehen streng. Erst recht, wenn es um den Besuch der Gottesdienste geht. Sogar die Denkweise der exemplarischen Mutter hält Siegfried Dannwolf in der NAK für denkbar: lieber ein toter, aber von Gott angenommener Sohn als ein Kind, das wegen seiner Verfehlung auf immer und ewig büßen wird.
Siegfried Dannwolf kennt die Wirklichkeit hinter der NAK-Fassade, die nach außen freundlich, angepasst und harmlos wirkt. Als "Gotteskind" wurde er hineingeboren in die Sekte, der seine Eltern beigetreten waren. Die 38 Jahre in der NAK sind für ihn heute wie ein Albtraum, den er sich nach seinem Ausstieg von der Seele geschrieben hat. "Gottes verlorene Kinder" heißt seine leidenschaftliche Anklage des autoritären NAK-Systems. Das Buch ist derzeit vergriffen, doch von seiner Aktualität scheint es nichts eingebüßt zu haben. Auch wenn sich die Medien, wie der Autor einräumt, weniger als früher für die "inneren Dramen" interessieren, die sich in der Sekte abspielen.
Wie Mormonen, Zeugen Jehovas und andere "christliche" Sekten predigt die NAK das nahe Ende der Welt. Stündlich muss die neuapostolische Gemeinde damit rechnen, dass Christus auf die Erde zurückkehrt und seine treue Truppe heim ins Reich ewiger Freude holt. Das Privileg der NAK, allein unter den Auserwählten zu sein, verspricht nicht nur Glückseligkeit. Denn auch sündige Neuapostolische nimmt Jesus am Tag X nicht mit ins Paradies, sie werden - zusammen mit dem Rest der Menschheit - dem "Satan" ausgeliefert.
Eine Drohung, die sich verheerend auf die Psyche auswirken kann. Für Siegfried Dannwolf wurde der Tag der Wiederkehr zum Trauma. Wenn seine Eltern nicht pünktlich nach Hause kamen, bekam er panische Angst, Jesus wäre gekommen und hätte den Jungen zurückgelassen. Eine Angst, die er nie los wurde. Ständig suchte das Kind danach, was es falsch gemacht hatte. Wo es, vielleicht nur in Gedanken, ungehorsam gewesen war und deshalb von Jesus nicht mitgenommen werden würde.
Unter ständiger Angst litt nicht nur Dannwolf. Olaf Stoffel, ebenfalls ein Aussteiger der NAK, zitiert in seinem Buch eine ganze Reihe Männer und Frauen, die durch die Sekte körperlich und seelisch krank geworden sind. Oft leiden sie an Angststörungen. Denn die NAK ist in ihren Erziehungsmethoden nicht zimperlich.
Für ein früheres Mitglied war es das Schlimmste, als es in der "Sonntagsschule" vorgeführt bekam, was unartige Kinder auch unter den Neuapostolischen am Weltenende erwartet. Der Sonntagsschullehrer hielt den Jungen und Mädchen Bilder aus "Zeitungen" vor Augen: Menschen, die vor Angst wahnsinnig waren, vor zusammenstürzenden Häusern, in brennenden Stätten, ausgeliefert einer außer Rand und Band geratenen Natur und Technik.
Es waren die Schreckensvisionen des 3. Weltkriegs, die das Kind nicht mehr aus dem Kopf bekam. "Diese Gehirnwäsche hat mich zu einem völlig hysterischen Mädchen gemacht", sagt die Aussteigerin. Egal wo sie war, immer hatte sie nur den einen Gedanken: "Sind meine Eltern noch da?" Wenn die Mutter nicht in der Wohnung war, fing das Mädchen sofort verzweifelt zu weinen an. Sie gestand ihren Eltern, wovor sie sich so entsetzlich fürchtete. Aber die Antwort war nur: "Wenn du dich so verhältst, wie Jesus das wünscht, brauchst du keine Angst zu haben, hier bleiben zu müssen."
Für Kinder gibt es in der NAK kein Entrinnen, denn von klein auf werden sie auf Gehorsam gedrillt. Jahrzehntelang blieb Dannwolf ein "lieber Junge". Gläubig entsagte er dem "Teufel" und das bedeutete, die Welt zu meiden: kein Tanz und kein Kino, kein Vereinsleben und kein Besuch eines Fußballspiels, kein Konzert oder Theater, keine Gemeinschaft und erst recht keine Freundschaft mit "Weltkindern".
Linientreu blieb auch der junge Erwachsene. Neben Arbeiten und Lernen bestand sein Leben ausschließlich aus kirchlichen Aufgaben. Kaum achtzehn geworden, wurde er mit dem Amt eines "Unterdiakon" betraut. Schon zwei Jahre später beriefen ihn seine Vorgesetzten zum "Diakon", mit 25 zum Priester. Damit war auch die letzte freie Zeit für Frau und Kinder gestorben.
Nicht eine eigene Berufung, sondern absoluter Gehorsam, Einsatz- und Opferbereitschaft hatten den vorbildlichen Gläubigen für die Ämter qualifiziert. Er war gefolgt, als ihn der vorgesetzte "Apostel" dazu ausersehen hatte - ein "personifizierter und vermenschlichter Gott", wie Dannwolf schreibt. Selbst bei der Predigt verzichtete der Priester weitgehend auf eigene Gedanken und variierte nur die "fünf oder sechs Kernaussagen", die er sein Leben lang gehört hatte.
Erst als er erlebte, wie die NAK mit einem missliebigen Amtsträger umging, begann Dannwolf aufzuwachen. Er fing an, ausführlich die Bibel zu studieren und entdeckte eine völlig neue Glaubenswelt. Statt permanent die "lieben Apostel" der NAK zu preisen, predigte er nun mehr und mehr über seine neuen Erfahrungen: über einen Gott der Liebe, einen Christus, der sich den Menschen ohne Vorbedingungen zuwendet und einen Heiligen Geist, über den nicht allein die Amtsträger verfügen.
Bis sich Dannwolf endgültig lösen konnte, vergingen Jahre, in denen der Leidensdruck immer stärker wurde. Nur mit äußerster Kraft gelang ihm schließlich, gemeinsam mit Frau und Kindern einen selbstbestimmten Weg zu gehen. Je stärker sich die Familie von ihrem unmündigen Dasein emanzipierte, desto härter wurden die Sanktionen der Sekte. Ein Jahr der "Inquisition" hatte der Priester durchzustehen, mit Redeverbot, Überwachung durch "Glaubensgeschwister", Telefonterror und einer Hetzjagd auf Freunde. Dann endlich erklärte der Priester seinen Rücktritt - mit seiner Kraft war er völlig am Ende, sagt er im Rückblick.
Nach dem Erscheinen von "Gottes verlorene Kinder" versuchte die NAK, mit Gerüchten und Verleumdungen seine Person zu verteufeln, berichtet der 49-Jährige. Bei ihm gingen aber auch über 100 Zuschriften von Betroffenen ein. Sie bestätigten seine Erfahrungen und unterstützen den Autor darin, dass sein Leidensweg "kein exotisches Erlebnis war, sondern zum System der NAK gehört", wie Dannwolf sagt.
Bei seiner Selbsthilfegruppe in Stuttgart sind in den ersten drei Jahren etwa 500 bis 600 Anfragen eingegangen. Den Ratsuchenden müssen Dannwolf und seine Mitstreiter immer wieder empfehlen, professionelle Hilfe von einem Therapeuten in Anspruch zu nehmen. Zu massiv sind die Folgen eines Glaubenssystems, das für Dannwolf "gleichermaßen menschen-, lebens- und gottfeindlich" ist. Als "christlich" kann und will er die Sekte nicht mehr bezeichnen.
Exemplare von "Gottes verlorene Kinder" sind noch über den Autor selbst erhältlich. Adresse: Pflugfelder Str. 9, 70806 Kornwestheim. E-Mail: dasie@t-online.de - Das im Text erwähnte Buch von Olaf Stoffel "Angeklagt: Die Neuapostolische Kirche" ist im Gütersloher Taschenbuchverlag erschienen und kostet 24,80 Mark (siehe Buchtipp).
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