Sonntagsblatt-Logo Diese Woche

 

Diese Woche
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service

Impressum
 
"Keine neue Welt ohne neue Sprache"

Am 25. Juni wäre die Dichterin Ingeborg Bachmann 75 Jahre alt geworden

Von Susanne Petersen

Als erstes von drei Kindern wird Ingeborg Bachmann am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Das prägendste Ereignis ihrer Kindheit ist die Machtübernahme in Österreich durch Hitlerdeutschland im Jahr 1938. Zeit ihres Lebens wird sie den Schrecken, den der Einmarsch der braunen Truppen ihr einjagte, nicht mehr los. Angst bleibt ein zentrales Thema in ihren Gedichten.

Von 1945 an lebt Ingeborg Bachmann in Wien. Sie studiert Philosophie, Psychologie, Germanistik und Kunstgeschichte und findet schnell Anschluss an die literarischen Zirkel der Stadt. Paul Celan, Ilse Aichinger, später Hans Magnus Enzensberger, Marie Luise Kaschnitz und Uwe Johnson zählen zu ihrem Freundeskreis. Wie die anderen Nachkriegsautoren sieht sie sich mit Theodor W. Adornos These konfrontiert, dass "nach Auschwitz keine Gedichte mehr möglich sind". Die Dichterin versucht dieses Dilemma zu lösen, indem sie sich der alten "Sprache der Macht" verweigert. "Keine neue Welt ohne neue Sprache", das ist ihr Anspruch. Ihr Stil ist geprägt von Gegensätzen, und statt eindeutiger Mitteilungen findet der Leser ihre Botschaften in phantastischen und märchenhaften Chiffren verschlüsselt.

Den literarischen Durchbruch schafft die zurückhaltende, nach außen verschlossene Dichterin 1953. Sie wird zu einer Lesung der berühmt-berüchtigten "Gruppe 47" eingeladen. Doch die gestrengen Mitglieder sind von ihren Gedichten begeistert, und Bachmann erhält für ihren ersten Gedichtband "Die gestundete Zeit" den mit 2000 Mark dotierten Preis der Gruppe.

Nach der Veröffentlichung ihres zweiten Gedichtbandes "Anrufung des großen Bären" von 1956 wendet sich die nun schon an Erfolg und Aufmerksamkeit gewöhnte Künstlerin von der Lyrik ab. Mit dem Erzählband "Das dreißigste Jahr", der 1961 erscheint, stößt sie bei der Kritik allerdings auf wenig Gegenliebe. Diese neue Erfahrung und das Ende der Beziehung zu Max Frisch, mit dem sie seit 1958 zusammenlebte, stürzen Ingeborg Bachmann in eine gesundheitliche Krise.

1966 verlegt sie ihren Wohnsitz endgültig nach Rom. Dort schreibt sie an einer Trilogie mit dem Titel "Todesarten". Lediglich der erste Teil, der Roman "Malina", wurde fertiggestellt. Das zentrale Thema in allen Prosatexten Bachmanns ist die Situation der Frau in der Gesellschaft. Sie kritisiert, dass Frauen in der männlichen Weltordnung keinen Platz zur Entfaltung haben, dass nur die weibliche Sexualität, nicht aber der weibliche Intellekt akzeptiert werden. Sobald Frauen die Spielregeln der Männer nicht mehr befolgen, so die Dichterin, werden sie von ihnen zum Verstummen gebracht. Erst mit der Frauenbewegung der 80er Jahre rücken Bachmanns Prosatexte in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Am 17. Oktober 1973 stirbt Ingeborg Bachmann in Rom an den Folgen eines Zimmerbrandes. Über die Ursachen gibt es wilde Spekulationen: Manche machen eine brennende Zigarette, mit der Bachmann eingeschlafen sein soll, für das Unglück verantwortlich, andere sprechen von Selbstmord oder sogar Mord. Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann 75 Jahre alt geworden.


Home


 



Ingeborg Bachmann

  Mit Gedichten, Essays, Hörspielen und Romanen wurde Ingeborg Bachmann zu einer der bedeutendsten Dichterinnen der Nachkriegszeit.
(Foto: epd-bild)