ZEITZEICHEN
Von Christiane Rodenbücher
Die Derivate der guten, altbewährten protestantischen Leistungsethik haben auch vor unserem Zeitalter nicht Halt gemacht. Gehören doch heute Tugenden wie das frühe Aufstehen - sei es, um den schlaffen Körper in Wallung zu bringen, oder noch besser, um sich noch lange vor dem Morgengrauen zäher Gedankenarbeit hinzugeben, um den Konkurrenten durch den Zeitvorsprung eine Nasenlänge voraus zu sein - zum Leistungskanon unserer von Erfolg und Ansehen geprägten Gesellschaft. "Wohl dem, der sich zusammenreißt und seinen inneren Schweinehund überwindet", heißt es seit vielen Jahren. Und wiegt sich nicht unser Selbstwertgefühl, von Pflichtbewusstsein erfüllt, stolz in der Dunkelheit des Morgens, wenn wir dem heimeligen Wohlsein des Bettes einen Strich durch die Rechnung gemacht haben und in unserer düsteren Kammer standfest auf der Matte stehen?
Weit gefehlt. Der Regensburger Schlafforscher Dr. Jürgen Zulley läutet eine Total-Revision dieser bisher so anerkannten Tugend ein: "Wer zu früh morgens das Bett verlässt, tut seiner Gesundheit nichts Gutes." Der Körper schüttet nämlich bei Dunkelheit müde machendes Melatonin aus. Bei genügend hellen Lichtreizen - damit meint er natürlich das hereinbrechende Tageslicht, je mehr, umso besser - wird die Produktion jedoch gestoppt. Der Doktor rät extremen Frühaufstehern, solch groben Unfug zu unterlassen. Der biologische Rhythmus droht sonst zu stolpern, außerdem sinkt die Leistungsfähigkeit. Auch mit Magen-Darm-Problemen und Herz-Kreisläufstörungen ist zu rechnen. In Zukunft drehen wir uns im Bett wieder um und denken uns: "Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben." Ob wir wohl noch mal einschlafen können, nach diesem Bruch mit der Väter alter Sitte?
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