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Ist jeder fünfte Mensch ein Atheist?

Ein 700 Seiten starkes Buch des Historikers Georges Minois erregt Widerspruch

Von Lothar Simmank

Jeder fünfte Mensch ist heute Atheist, behauptet der französische Historiker Georges Minois. Er veröffentlichte im vergangenen Jahr ein 700-Seiten-Buch mit dem Titel "Geschichte des Atheismus". Dass die Zahl der "bekennenden Ungläubigen" offenbar auch hier zu Lande wächst, zeigt das Beispiel Deutscher Bundestag. Immerhin ein Drittel seiner Mitglieder macht keine Angaben zur Konfession - die einzige bekennende Atheistin stellt die PDS. Zeichnet sich im Trend zur Konfessionslosigkeit für das 21. Jahrhundert der Sieg des Atheismus ab? Oder bekommen wir es - wie andere Zukunftspropheten orakeln - mit einer großen Renaissance des Religiösen zu tun?

Der Blick zurück in die Geschichte jedenfalls zeigt, dass es von der Antike bis zur Gegenwart zahlreiche Menschen waren und sind, die nicht an Gott oder eine göttliche Weltordnung, sondern an den Menschen, die Materie und die Vernunft glauben. Skeptiker, Freidenker und Materialisten hat es zu allen Zeiten gegeben - und nicht erst seit Hegel, Marx, Schopenhauer, Nietzsche oder Sartre. Minois, der auf Deutsch bereits ein Buch über die Hölle, eine "Geschichte des Selbstmords" und eine "Geschichte der Zukunft" vorgelegt hat, schreibt in seinem neuesten Werk, dass "jede Kultur, jede Zivilisation ihre Atheisten hat".

In seinen umfangreichen Ausführungen über die historischen Epochen bezieht er sich allerdings meist auf die kritischen Geister jener Zeiten, die in Konflikte mit der christlichen Kirche gerieten, weil sie nicht rechtgläubig waren. Explizite Atheisten kann der Autor nur selten nachweisen. So kommt letztlich eine Geschichte der Ungläubigen heraus, zu denen der 55-jährige Franzose all jene zählt, "die die Existenz eines persönlichen Gottes, der in ihr Leben eingreift, nicht anerkennen."

Kritiker von Minois' Atheismus-Geschichte werfen ihm auf Grund unklarer Begrifflichkeiten ein getrübtes historisches Urteil vor: "Was der Historiker des Atheismus unter Glauben versteht, bleibt dunkel", so etwa der Theologe Eberhard Jüngel in einer Rezension des Buches. Jüngels Urteil: "Der Atheismus ist auch nicht mehr, was er einmal war."

Meist wird als Atheist bezeichnet, wer von der jeweils herrschenden religiösen Autorität unterdrückt wurde. Die Liste der Opfer ist lang, besonders im Mittelalter, wie Minois in seinem Buch zeigt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Jüngel verweist auf das 20. Jahrhundert, in dem sehr viel mehr Menschen wegen ihres Glaubens als wegen ihres Bekenntnisses zum Atheismus umgebracht worden seien.

Moderne Atheisten verstehen die Bezeichnung längst nicht mehr als Denunziation, sondern wenden den Namen selbstbewusst auf sich an. Dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten mit Sitz in Hagen können für 50 Euro im Jahr alle beitreten, die sich als Konfessionslose, Humanisten, Agnostiker oder Atheisten verstehen. Er will die "in Jahrhunderten mühsam erkämpften Freiheitsrechte gegenüber den Vertretern der organisierten Religionen" verteidigen.

Prominentestes Mitglied ist der Kirchenkritiker und Buchautor Karlheinz Deschner, der seit vielen Jahren an seiner "Kriminalgeschichte des Christentums" arbeitet, von der bereits sechs Bände erschienen sind.


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George Minois

  George Minois
(Foto: epd-bild)