Politiker auf dem Kirchentag
Bekenntnisse in weiten Räumen
Von Helmut Frank
Während des Frankfurter Kirchentages konnte man glauben, dass der Berliner Politbetrieb für einige Tage unterbrochen war. Kanzler, Bundespräsident, Bundestagspräsident, die CDU-Vorsitzende und das halbe Kabinett waren auf dem Protestantentreffen präsent - bei Bibelarbeiten, Foren und Podien. Auch wo es um das Eingemachte, den christlichen Glauben ging, waren viele auskunftsbereit. Heimlicher Star des Publikums war der PDS-Vormann und "bekennende Heide" Gregor Gysi
Als Rezzo Schlauch am Donnerstagmorgen des Kirchentages zur Bibelarbeit in die Frankfurter Messe-Festhalle kommt, warten schon 9000 Menschen auf ihn. Schlauch, Sohn eines württembergischen Pfarrers, ist ein Prediger. Er presst seine Worte, windet dabei seinen Körper und dehnt die Begriffe, wie man es aus seinen Bundestagsreden kennt. Eine Stunde lang redet er über Bildung, Erziehung und gesellschaftliches Engagement. Wird er noch die Brücke zum christlichen Glauben schlagen? Schließlich - kurz vor Schluss seiner Ansprache - erlöst er die Zuhörer mit dem Satz: "Der Glaube ist der Kern der Zivilcourage."
Der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Grüne im Deutschen Bundestag kann es fast nicht glauben, dass so viele Kirchentagsbesucher seine Auslegung hören wollen. Vielleicht liegt der große Zuspruch aber auch ein bisschen daran, dass einige nur hier sitzen, weil sie sich schon einmal einen guten Platz für die Hauptveranstaltung im Anschluss sichern wollten: PDS-Vormann Gregor Gysi soll mit Bischöfin Margot Käßmann die Frage klären "Was ist ein Christ?"
Ausgerechnet Gysi, der bekennende Heide?
Gysi hat das Publikum bereits mit der ersten Frage des heute-Journal-Moderators Wolf von Lojewski auf seiner Seite. Gysi warnt: In einer gottlosen Gesellschaft gehen alle Wertmaßstäbe verloren. Dies werde zu einer Kommerzialisierung des gesamten Lebens führen. Gysi erklärt: Maßstab für ein christliches Leben seien die Bergpredigt und Jesu Umgang mit den Ausgegrenzten. Durch die Bibel ziehe sich ein "Gleichheitsgedanke", nach dem alle Menschen unabhängig von Geschlecht oder Hautfarbe gleichwertig seien. Und Gysi fordert: Christen sollten sich für eine sozial gerechte Gesellschaft einsetzen und dafür, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibe.
Gysi stellt sich vor als ein Mensch, der die Religion schon früh schätzen gelernt hat, der das Neue Testament gelesen hat. Er hat die Arbeitsgemeinschaft Christinnen und Christen in der PDS initiiert, weil doch vieles zusammengehe zwischen Christen und Sozialisten. Überhaupt sei es doch völlig egal, ob jemand aus einer christlichen oder einer sozialistischen Motivation heraus für eine gerechtere Gesellschaft einstehe. "Hauptsache er tritt ein." Und, ja: Einen Christen könne er sich ohne Probleme an der Spitze der PDS vorstellen.
Gysi geizt nicht mit Komplimenten - und erntet für den fortwährenden Schulterschluss die Sympathie des Publikums. Der Beifall wird allerdings etwas verhaltener, als Gysi bekennt: Er selbst sehe sich nach der Lektüre des Neuen Testaments als Heide, zu dem die Religion noch nicht gekommen sei. Freilich nicht als "Atheisten", weil darunter gemeinhin ein Kämpfer gegen Religion verstanden werde. "Ich habe Religion immer geschätzt, ohne religiös zu sein", sagt er den 9000. Die Hände des Publikums bleiben schließlich stumm, als er seinen wahren Glauben offenbart: "Ich glaube nicht an Gott, sondern an den Menschen, an die Möglichkeit des Menschen, sich zu verändern - sonst könnte ich kein Sozialist sein."
Gysi ist auf dem Kirchentag omnipräsent, für manche gar die PDS dadurch der "heimliche Gewinner" des Kirchentages. Der alltägliche Stapel mit Gysi-Pressemeldungen aus der Kirchentags-Nachrichtenredaktion erweckt den Eindruck, der PDS-Mann sei gleichzeitig auf mehreren Podien gegenwärtig. Für die einen ist die Präsenz der PDS Ausdruck des "Weiten Raumes", den das Kirchentagsmotto vorgibt. Andere, wie etwa die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, finden die Koketterie Gysis mit seinem Heide-Sein "nicht mehr lustig". Auf dem Podium der Evangelischen Kirchenpresse wirft sie der Kirchentagsleitung vor, den PDS-Mann unnötig zu hofieren.
Die Sorge ist zumindest dort unnötig, wo Gysi gleichwertige Gesprächspartner findet. Die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann jedenfalls konnte mit Gysi nicht nur durch ihren Charme mithalten, sie hatte auch die besseren Argumente. Sie verwarf die Vorstellung, das Christsein ausschließlich am sozialen Handeln messen zu wollen. Jesus Christus habe den Glauben in den Mittelpunkt seiner Verkündigung gestellt, und allein dieser Glaube bringe Grundvertrauen in das Leben - dies sei ein wichtiger Unterschied zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Wer glaube, habe die Zusage von Lebenssinn, "der dich unabhängig und frei macht, souverän und geliebt." Christen sind für sie Menschen, die ihr ganzes Vertrauen auf Gott werfen, die wissen, dass der Weg zu Gott Christus ist. Und von diesem Wissen aus werden sie sich einmischen in die Gestaltung dieser Welt.
Anders als Gysi kann man Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht vorwerfen, mit seinem Glauben oder Nicht-Glauben zu kokettieren. Schröder genießt den warmherzigen Beifall und redet 20 Minuten über seine Vision Europas, konzentriert und ohne jeden Versprecher. Zum ersten Mal seit 1987 war wieder einmal ein amtierender Bundeskanzler auf einem Deutschen Evangelischen Kirchentag.
Die 20 Schröder-Minuten sind für die Organisatoren ein "Big Point", ein Aushängeschild. Wenn dagegen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, protokollarisch zweiter Mann im Staat, ohne jeden Personenschutz über den Markt der Möglichkeiten geht, nimmt das kaum jemand wahr. Der vollbärtige Thierse geht in seiner Strickjacke im Kirchentagsvolk auf.
Politiker wie Rau, Thierse oder Geißler gehören inzwischen so selbstverständlich zum Kirchentag wie Papphocker und Solidaritätsschals. Aber man merkt den Besuchern an, wie gut es ihnen tut, die politisch Verantwortlichen bei der Kirche zu sehen. Man fühlt sich ernst genommen, motiviert für ein gesellschaftliches Engagement. Die Politiker andererseits können bei dem dichten Gedränge ihren Eindruck revidieren, die Kirche versinke in Bedeutungslosigkeit. Was auf jeder kirchlichen Akademietagung beklagt und bejammert wird, die Prägekraft des Christentums würde zurückgehen oder die Kirche hätte ihr Sinndeutungsmonopol verloren - hier ist davon nichts zu spüren. Die Berliner Politiker und die Basischristen ahnen: Man wird sich noch gegenseitig brauchen.
| Kirchentagszitate |
"Uns wurde ja vorgeworfen, wir hätten die Erlösung verdienbar gemacht. Davon mussten wir ja mit fremder Hilfe abgebracht werden." (Professor Christian Bernzen, Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken) |
"Auch in Rom gibt es keine Kirchenanerkennungsstelle." (Bischöfin Margot Käßmann im Gespräch mit Christian Bernzen) |
"Das Abendmahl ist ökumenisch - sonst nicht mehr Herrenmahl, sondern Sektenfeier." (Margot Käßmann zitierte beim Feierabendmahl den Theologen Ernst Käsemann) |
"Wollen die Kirchen auf ewig getrennt halten, was Gott zusammenfügen will?" (Der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel im Gespräch mit Kardinal Karl Lehmann) |
"Ein Unternehmen, das seit 2000 Jahren existiert, hat auch eine Zukunft. Wenn die Kirche an die Börse gehen würde, würde sogar ich Aktien kaufen." (Der PDS-Politiker Gregor Gysi) |
"Es muss auch in Zukunft noch Werte geben, die nicht an der Börse gehandelt werden." (Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) rief zur Wahrung der Menschenwürde auf) |
"Sie machen mir Mut. Hier sind Tausende, die sich für religiöse Fragen interessieren." (Der Journalist und Moderator des heute-Journals, Wolf von Lojewski) |
"Wie Hosenträger dafür sorgen, dass man die Hände frei bekommt, so macht auch der Glaube frei für wichtige Aufgaben." (Der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm) |
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