Kirchentag in Frankfurt
Zeitansage für Werte-Entscheidung
Von Lutz Taubert
Der Deutsche Evangelische Kirchentag - das alle zwei Jahre wiederkehrende Top-Ereignis des Protestantismus - hat auch heuer wieder die Erwartung erfüllt, christliche "Zeitansage" zu sein: Gentechnik, Geld, Glauben - die hübsche Alliteration der "drei großen G's" also - setzten sich als Schwerpunkte durch, die Debatten um BSE, um das Haus Europa oder auch um eine neue Friedensethik belegten die Ränge danach. Es stimmten ab: über 100.000 Kirchentagsteilnehmer in Frankfurt.
Der Präsident des 29. Deutschen Evangelischen Kirchentags, Martin Dolde, drückte dem Massenereignis zum Schluss einen neuen Stempel auf: größte Bildungsveranstaltung der Bundesrepublik. Er hat Recht: Politiker, Theologen, Wissenschaftler der ersten Garnitur bestritten 2500 Einzelveranstaltungen in drei Arbeitstagen. Gerade die auf dem Kirchentag neu entfachte Debatte um Bioethik dürfte damit, wie es Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ausdrückte, "Auswirkungen auf die politische Meinungsbildung" haben. Was will man mehr von einem Massenereignis erhoffen als dieses, dass es eine wichtige Wertentscheidung vorbereitet und beeinflusst?
Dieser Kirchentag war - gerade im Anhören der umstrittenen Meinung von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement, der Forschungen mit importierten embryonalen Stammzellen zulassen will - ein mehrheitlich "genkritischer" Kirchentag. Die Gegenüber-Position zu Clement artikulierte nicht etwa ein Theologe oder Politiker, sondern der Verfassungsrechtler Ernst Benda, der dem Schutz der Menschenwürde Vorrang vor der Forschungsfreiheit gab. Damit sind laut Benda verbrauchende Embryonenforschung und Präimplantationsdiagnostik verfassungswidrig. Eine Kirchentagsresolution fordert Bundestag und Regierung auf, das Töten von Embryonen als "Angriff auf das Lebensrecht aller Menschen" per Gesetz zu verhindern.
Man irrt freilich, wenn man aus dieser strikten Forderung schließt, dass der Kirchentag insgesamt, wie es in früheren Zeiten durchaus der Fall war, zur Kampfansage an das politische Establishment geriet. Ein Blick zurück ist aufschlussreich: 1987, letztmals zu Gast in Frankfurt, hatte der Kirchentag noch auf Druck der "Basis" seine Konten bei der Deutschen Bank wegen deren Südafrikageschäfte abgebrochen: ein Bekenntnis gegen Apartheid. Heute sitzen Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank auf den Podien des Kirchentags, fordern vom Bundesfinanzminister Steuerentlastung für Unternehmen und bekommen auch noch freundlichen Beifall vom Publikum (während andere Kirchentagsteilnehmer ein goldenes Kalb aus Pappmaschee über "symbolische Leichen" zum Hochhausturm der Deutschen Bank schleppen).
Vieles ist möglich auf diesem Kirchentag: Heiner Geißler, der alte CDU-Kämpe, schimpft über die böse Fratze des Kapitalismus, und Christine Scheel von den Grünen spricht sich gegen ein Familiengeld von 1200 Mark aus, weil es nur die Schuldenlast des Staates erhöhte.
Die alten Feindbilder stimmen nicht mehr, Debatten sind verwirrender denn je. Uneindeutigkeit, ja Beliebigkeit in ethischen Grundfragen wird dem Kirchentag oft als Schwäche ausgelegt. Dabei ist es seine Stärke, dass er sich in aller Ernsthaftigkeit und Ausführlichkeit auf ethische Zeitansagen einlässt - und dies in einer neuen Mischung aus junger Spaßgeneration und in die Jahre gekommenen Gesellschaftsveränderern.
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