Vor 80 Jahren wurde Sophie Scholl, Widerstandskämpferin der Weißen Rose, geboren
Aufrecht in den Tod
Sie gilt als Symbol des Widerstands und Freiheitswillens. Weil sie Flugblätter gegen Hitler verteilte, wurde sie zum Tod verurteilt. Jetzt soll Sophie Scholl als Büste einen Ehrenplatz in der Walhalla bekommen, wie das bayerische Kabinett gerade beschlossen hat. Die tapfere Frau wurde vor 80 Jahren, am 9. Mai 1921, geboren.
Es war am 18. Februar 1943 gegen elf Uhr. Plötzlich flatterten Flugblätter von oben herab in den Lichthof der Münchner Universität. Hausmeister Jakob Schmidt schaltete schnell. Entschlossen eilte er zu zwei jungen Leuten, die offensichtlich hinter dieser Aktion standen. "Sie sind verhaftet", rief er. Dann löste er Alarm aus. Im Nu war die Gestapo zur Stelle. Hans und Sophie Scholl, die die Flugblätter der Widerstandsgruppe Weiße Rose verteilt hatten, wurden abgeführt.
Bei pausenlosen Verhören im berüchtigten Gestapo-Gefängnis im Wittelsbacher Palais versuchten die Geschwister zunächst, sich mit einer Verschleierungstaktik zu retten. Doch angesichts der vorliegenden Beweise und der Verhaftung ihres Freundes Christoph Probst nahmen sie alle Schuld auf sich, um weitere Personen aus ihrer Gruppe zu entlasten. Das Nazi-Regime war entschlossen, den aufkeimenden Widerstand unter den Studenten mit aller Härte zu zerschlagen. Schon vier Tage nach ihrer Verhaftung wurden die drei wegen Hochverrats geköpft. Die Gefängnisbeamten in München-Stadelheim erlebten mit Sophie Scholl eine Todeskandidatin, die gefasst und aufrecht den Gang zum Schafott antrat.
Das Mädchen, Tochter des Steuer- und Wirtschaftsberaters Robert Scholl, war am 9. Mai 1921 in Forchtenberg zur Welt gekommen. Mit drei Brüdern und einer Schwester erlebte sie in Ulm ihre Jugendzeit. Sie war naturverbunden, liebte ihr Vaterland. Das Mädchen mit den braunen Haaren und dem kurz geschorenen Bubikopf trat dem Bund deutscher Mädchen (BDM) bei und fuhr gerne mit in die Freizeiten und Zeltlager. Der Vater, ein liberaler Individualist, sah das nicht so gern. Wegen seiner Distanz zur NS-Ideologie hatte er schon früh Schwierigkeiten. Einmal kurzfristig verhaftet, nachdem eine Sekretärin ihn wegen der Äußerung denunziert hatte, Hitler sei eine "Gottesgeißel der Menschheit".
Flugblätter entstanden in mühsamer Nachtarbeit
Sophie wollte in München Biologie und Philosophie studieren, doch erst musste sie zum Kriegseinsatz in einen Kindergarten und zum Arbeitsdienst. Mit 21, im Mai 1942, konnte sie ihr Studium beginnen. Sie machte Bekanntschaft mit den Freunden ihrer Brüder, alle Medizinstudenten, die zeitweilig vom Militär fürs Studium beurlaubt waren. Erst sechs Wochen in München, entdeckte sie an der Uni ein Flugblatt der Weißen Rose, dessen Inhalt sie stark bewegte. Es war für sie ein großer Schrecken, als sie in der Wohnung ihres Bruders Hans auf dem Tisch ein Buch mit Schillers Werken liegen sah, in dem ein Zitat besonders markiert war, das auch in dem Flugblatt stand. Blitzartig wurde ihr bewusst, dass ihr Bruder an der Herstellung des Flugblattes beteiligt war, was er ihr bisher verheimlicht hatte.
Fortan war Sophie mit dabei. In Zusammenarbeit mit Professor Kurt Huber entstanden nacheinander sechs Flugblätter. In mühsamer nächtlicher Arbeit wurden sie vervielfältigt. Die jungen Leute packten sie in Koffer und verteilten sie unter Lebensgefahr in München, aber auch in anderen Großstädten wie Frankfurt, Stuttgart, Freiburg, Saarbrücken, Mannheim, Karlsruhe und Wien. Das letzte war unter dem Eindruck der Stalingrad-Katastrophe entstanden. Die deutsche Jugend wurde aufgefordert, "endlich aufzustehen, ihre Peiniger zu zerschmettern und ein neues geistiges Europa aufzurichten."
Die letzte Aktion am 18. Februar 1943 ging schief. Den drei Studenten wurde schon am 22. Februar der Prozess gemacht. Die Verhandlung des Volksgerichtshofs im Münchner Justizpalast wurde vom berüchtigten Roland Freisler geleitet, der die Angeklagten wüst anschrie und attackierte. Sophie Scholl wagte es, seine Tiraden mehrfach zu unterbrechen. "Einer muss ja doch schließlich damit anfangen", rief sie aus. "Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele, doch wagen sie es nicht auszusprechen."
Den Eltern Robert und Magdalena Scholl mit Sohn Werner gelang es, während der Verhandlung in den Gerichtssaal vorzudringen. Der Vater verlangte, seine Kinder verteidigen zu dürfen, was strikt abgelehnt wurde. Als sie aus dem Gerichtssaal gedrängt wurden, rief der Vater: "Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit!" Das Urteil lautete Tod durch Enthauptung.
In ihrer Zelle in Stadelheim schrieben die Todeskandidaten noch Abschiedsbriefe, die aber nie ankamen. Der evangelische Gefängnispfarrer Karl Alt wurde gerufen. Auf Wunsch von Hans las er das Hohe Lied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 13, und den 90. Psalm ("Herr, Gott, du bist unsere Zuflucht für und für"). Das Wort des Heilands, so versicherte ihnen der Seelsorger, erfülle sich jetzt: "Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde." Auch der ihnen bevorstehende Tod sei ein "Lebenlassen für die Freunde, ein Opfertod fürs Vaterland, durch den viele gewarnt und gerettet werden sollen vor weiterem Blutvergießen."
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