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Armutsbericht schürt vor allem die Familiendebatte:

Das versteckte Elend im behäbigen Wohlstand

Die Familiendebatte ist neu entfacht. Der erste Armutsbericht, den die Bundesregierung jetzt vorgelegt hat (das Sonntagsblatt berichtete), lenkt das Augenmerk vor allem darauf, dass in unserer Gesellschaft Kinderreichtum ein wesentlicher Armutsfaktor ist.

Der alles in allem beinahe 600 Seiten dicke Bericht, von den Kirchen seit Jahren gefordert, liefert reichliches und interpretationsbedürftiges Zahlenmaterial. Finanzpolitik, Familienpolitik, Beschäftigungspolitik, Bildungspolitik: All diese Disziplinen sind gefordert, und im Bundestag hob letzte Woche auch gleich ein mächtiges Schuldzuweisen an. Koalitionspolitiker argumentierten, seit dem Regierungswechsel habe sich die Situation etwas entspannt. Der Trend zur Verarmung von Kindern und Familien sei durch die Steuer- und Sozialpolitik umgekehrt worden. Dagegen kritisierten CDU/CSU, mit rot-grüner Beihilfe werde die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer.

Jedenfalls belegt der Bericht, der den Zeitraum bis 1998 beschreibt, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik sich öffnet. Das höchste Armutsrisiko haben: Arbeitslose, gering Qualifizierte, Familien mit mehreren Kindern sowie allein Erziehende und Zuwanderer.

Die Ungleichheit zwischen Ost und West nimmt, dem Bericht zufolge, leicht, aber stetig zu: Der Durchschnittshaushalt im Westen verfügt (1998) über ein Vermögen von 254 000 Mark, im Osten über 88 000 Mark. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich aber eine erhebliche Ungleichverteilung auch der Vermögen: Zehn Prozent der westdeutschen Haushalte besitzen 42 Prozent des Privatvermögens, während die Hälfte der Bevölkerung nur über 4,5 Prozent des Vermögens verfügt. Im Osten besitzen die oberen zehn Prozent sogar 48 Prozent des Vermögens.

Das Diakonische Werk Bayern hat die Bundesregierung aufgefordert, aus diesem Bericht Konsequenzen zu ziehen. Mit Vorrang müsse die strukturelle Benachteiligung von Familien abgebaut werden. "Wer sich heute zur Gründung einer Familie entschließt, tut dies in der Gewissheit, dass sein Lebensstandard erheblich sinkt", erklärte Diakoniepräsident Heimo Liebl. Die für das Jahr 2002 vorgesehene Erhöhung der Kindergeldes um 30 Mark sei nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Jürgen Gohde, forderte ein monatliches Kindergeld von 600 Mark. Zudem müsse eine Grundsicherung für Menschen in Notlagen und im höheren Alter eingeführt werden, sagte er. Er wies darauf hin, dass rund eine Million Menschen aus Scham oder Unwissenheit nicht zum Sozialamt gingen, obwohl ihnen Leistungen zustünden.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, erklärte, nach den Ergebnissen des Berichts könnten Spitzenverdienern höhere Belastungen zugemutet werden. Vielfältige Reaktionen also auf diesen ersten Armutsbericht der Bundesregierung, der nicht zuletzt auf Betreiben der Kirche zustande kam. Vielleicht wird die Familienpolitik dank dieses neuen Bewusstseinsschubs aus ihrem bisherigen Schattendasein heraus geführt? Es ist jedenfalls für viele Lobbyisten eine neue Erkenntnis, dass nicht etwa das Alter oder der Umstand, dass man in Ostdeutschland wohnt, das höchste Armutsrisiko in sich birgt, sondern: die Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzen. Ob das der wahre Grund für den Geburtenrückgang ist?

Daneben hat der Armutsbericht noch ein paar andere Fragen aufgeworfen: Armut lässt sich bekämpfen, lässt sich auch Reichtum bekämpfen? Und wie steht es mit der "Sozialbindung des Eigentums", wenn Vermögen so dramatisch ungleich verteilt ist? Die Koalition hält sich zugute, schon viel für Familien getan zu haben. Was tut sie zur gerechten Vermögensverteilung? Von einer Erbschaftssteuer hat man schon lange nichts mehr gehört.


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