Das Leben zwischen Anspruch und Wirklichkeit war Thema einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing
Lebe wild und gefährlich
Von Lena Grundhuber
In einem Buch hatte der Tutzinger Studienleiter Jochen Wagner eine alte Postkarte gefunden. "Lebe wild und gefährlich, Arthur" stand darauf. Aus diesem Satz wurde die Idee zu einer Tagung im Tutzinger Schloss geboren.
"Leben oder gelebt werden?" lautete die übergreifende Frage, zu der sich so prominente Referenten wie die Autorin und Filmemacherin Doris Dörrie oder der Schriftsteller Johano Strasser äußerten. Mit ganz unterschiedlichen Modellen versuchte man dem Problem beizukommen, unter den Anforderungen der modernen Welt eine befriedigende Lösung zu finden: Leben als Abenteuer, als Wagnis, als Suche nach dem Authentischen, als Leben im Moment oder in der ständigen Veränderung.
In der Natur des Themas liegt, dass es nicht bei der Theorie blieb. Neben den Referenten aus dem Kulturbetrieb, der Philosophie und Theologie erzählten auch viele Teilnehmer von ihren persönlichen Lebens(um)wegen. Zum Beispiel Johanna Glas: Sie hat viele Abzweigungen genommen, bevor sie auf ihrer Suche - wenigstens vorläufig - angekommen ist. Immer rebellisch, nie zufrieden mit dem, was ihr vorgegeben wurde, hat sie "wild und gefährlich" gelebt, und noch immer plädiert sie für den Mut auszubrechen und Wagnisse einzugehen. Also doch: Leben als Abenteuer?
Für den Theologen und Pfarrer Bernhard Barnikol-Öttler-Jörgensen liegt das eigentliche Abenteuer in der Fähigkeit, sich selbst und das was einen umgibt, zu akzeptieren - einen "produktiven Umgang mit sich selbst zu finden" und ein authentisches Leben zu leben. Denn die Sehnsucht nach dem Abenteuer, so der Theologe, kann nur da entspringen, wo der Druck auf die Menschen zu groß geworden ist und die Möglichkeit sich selbst zu spüren immer mehr verloren geht.
Johano Strasser, Generalsekretär des deutschen PEN-Club, trat vor den rund 300 Teilnehmern für das Existenzrecht der Melancholie ein und zog gegen den "Optimismus als Bürgerpflicht" zu Felde. "Ruinieren die Optimisten die Welt nicht nachhaltiger als die Grübler?" fragte Starsser. Denn Fortschrittsoptimismus und schnellebige Moderne hin oder her: "Das Wichtigste für Kreativität ist seiner Erfahrung nach die Zeitverschwendung".
Die Regisseurin Doris Dörrie diskutierte mit den Teilnehmern ihre persönliche Interpretation von einem wilden Leben. Buddhistische Techniken hätten ihr geholfen, so erzählte Dörrie aus ihrer sehr persönlichen Erfahrung, über den Tod ihres Mannes vor einigen Jahren hinwegzukommen. Und aus der Frage nach dem Leben wurde so die Frage nach dem Umgang mit dem Sterben. "Jeden Tag so weit wie möglich anzuhalten und im gegenwärtigen Moment zu entdecken, was erstaunlich oder großartig ist", sei die einzige Möglichkeit für sie gewesen, ihren Mann zu begleiten, so erzählte Dörrie. Diese Art zu leben sei für sie immer noch gültig.
Ihr Abenteuer bedeute, präsent zu sein in jedem Moment und nicht der Verführung zu erliegen, sich wegzuträumen. Für viele Menschen sei es schwierig, etwas von sich zu zeigen und Beziehungen einzugehen, aus Angst, dabei zu verlieren. Aber gerade das, so meint sie, sei das eigentliche Abenteuer: Das Risiko einzugehen, sich gegen andere zu öffnen, sozial zu werden: "Denn dadurch wird man wilder und gefährlicher, als wenn man den Himalaya besteigt."
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