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Warum es in der Synagoge so laut zugeht

Expedition in eine fremde Glaubenswelt

Von Christian Feldmann

Ein Jude steht sozusagen immer mit einem Bein im Himmel: Jüdische Religion ist allgegenwärtig, sie bestimmt jeden Bereich des Alltags. Für einen Juden, der seinen Glauben ernst nimmt, ist Religion kein nützliches Märchen für Kinder und kein illusionärer Trost für alte Leute. Gott spricht nicht bloß einmal pro Woche im festlichen Gottesdienst zu ihm, und seine Gegenwart ist nicht auf einen Kultraum beschränkt. Ein Jude kann sein Leben nicht aufteilen in Politik, Geschäfte, private Bedürfnisse auf der einen Seite und einen religiösen Sonderbereich auf der anderen. Er vermag seinen Bund mit Gott niemals aufzukündigen - denn jede Stunde kann der Messias kommen. Deshalb ist jeder noch so gewöhnliche Tag ein Stück Ewigkeit.

Religion prägt alltägliches Leben

Am Ende jedes Schabbats steht der Prophet Elija an der Tür, um von der kommenden Erlösung zu künden. Und in jedem jüdischen Haus bricht am Freitagabend, wenn der Schabbat beginnt, das Reich Gottes an - nicht in Jerusalem am Platz des zerstörten Tempels, nicht in den prächtigen Synagogen der großen Städte, sondern in ganz normalen Reihenhäusern und Mietwohnungen fällt der Glanz des Himmels auf die Erde. Weil die Religion das alltägliche Leben in allen seinen Details prägt, gibt es bei den Juden auch keine solche Kluft zwischen Sakralbereich und Privatraum wie bei vielen Christen. Der Gottesdienst findet in vielfältigen Ausprägungen auch in der Familie und im Haus statt.

Wer die Wohnung traditionstreuer Juden betritt, wird am rechten Türpfosten eine kleine Metallhülse entdecken, die so genannte Mesusa. In ihr steckt eine Pergamentrolle mit den ersten beiden Abschnitten des Schema Jisrael, des Glaubensbekenntnisses aus der hebräischen Bibel, das jeder fromme Jude morgens und abends betet. Die Mesusa, die man beim Eintritt in die Wohnung küsst oder berührt, hat eine Öffnung, durch die auf der beschriebenen Pergamentrolle ein bestimmtes Wort zu erkennen ist: Schaddaj, der Allmächtige, was man auch als Abkürzung lesen kann für einen anderen Gottesnamen: der Hüter der Tore Israels. An der Ostseite des Wohnzimmers - betende Juden wenden sich in der Regel nach Osten - hängt oft ein Papierdruck, eine Stoffarbeit oder ein Scherenschnitt mit einer Darstellung Jerusalems oder einer biblischen Figur und entsprechenden Texten, der Misrach.

"Ich bekenne vor dir, dem ewig lebenden König der Welt, dass du mir in großer, treuer Liebe meine Seele wiedergegeben hast." Das ist das allererste Morgengebet gleich nach dem Erwachen, noch vor dem Aufstehen. Der Mensch erinnert sich daran, wer ihn geschaffen hat und ihm jeden Tag das Leben neu schenkt. Wer sich so von Gott gewollt und geliebt weiß, geht mit Kraft und Vertrauen in den Tag - selbst wenn draußen die Henker stehen. Denn der gläubige Jude weiß, Gott geht mit den Lebenden und bleibt den Toten treu.

Im jüdischen Beten findet man überhaupt wenig von der Aufzählung privater Wünsche und Bedürfnisse, von dem egoistischen Geschäftsgeist, der nach landläufiger Auffassung zum Gespräch mit dem Himmel gehören soll: "Gib mir Glück und Erfolg, lieber Gott, dann bekommst du von mir ein schönes Gebet oder sogar eine strapaziöse Wallfahrt." Dazu sind Juden viel zu nüchtern, findet der Londoner Rabbi Lionel Blue: "Ein Jude betet nicht in erster Linie, um Dinge zu erbitten, noch um eine Erfahrung zu haben, nicht einmal um Gottes Gnade zu fühlen, er betet, wie er seine anderen Aufgaben erfüllt, um seine Pflicht zu tun, um die Arbeit in der Welt weiterzuführen und um die Tatsachen und Wahrheiten des Lebens regelmäßig neu zu formulieren. Die Unsicherheit jüdischen Lebens und sein ungesicherter Wohlstand haben die Juden zu einem heilsamen Respekt vor dem, was ist, genötigt. Religion ist nicht die Konstruktion einer Welt, wie wir sie haben möchten, sondern ein Weg, um die Wirklichkeit, in die Gott uns gestellt hat, zu erkennen und anzunehmen. Christen bitten Gott, in ihnen zu wirken, damit sie sich ihm vollständig und frei hingeben können. Ein Jude betet, damit er um Gottes willen an sich selbst arbeiten und seinen Willen so ändern kann, dass er ein besseres Werkzeug für Gott wird."

Gott ist in Wohnungen und in Synagogen zu Hause

Jüdische Religion ist allgegenwärtig: Wenn ein Jude von seiner Wohnung in die Synagoge geht und wieder zurück ins Haus - früher geschah das mindestens dreimal am Tag -, dann wechselt er keineswegs von einem Lebensbereich in den anderen. Er ist an beiden Orten zu Hause - und Gott auch. In der Synagoge stehen sich Gott und Mensch - beziehungsweise Gott und Gemeinde - unmittelbar gegenüber. Den Außenstehenden, der zum ersten Mal in einen Synagogengottesdienst gerät, irritiert vielleicht die hektische Atmosphäre, das Kommen und Gehen, die Gespräche über banale Alltagsdinge, während andere beten.

Für den schon zitierten Rabbi Blue ist das vermeintliche Ärgernis vielmehr ein Beweis dafür, dass eben das ganze jüdische Leben Religion ist: "Beim Eintritt in die Synagoge empfängt einen der Lärm von Gebet und Geschwätz. Eine Unterhaltung zwischen Nachbarn mischt sich mit dem Gemurmel eines sich wiegenden Beters. Ständig kommen und gehen Leute. Dort hört man unterdrücktes Gelächter über einen jüdischen Witz. Die Atmosphäre bringt einen aus der Fassung. Der Geist der Außenwelt strömt in den heiligen Ort, und es scheint überhaupt kein sehr heiliger Ort zu sein. Die Synagoge ist nicht das Höchste oder das Heiligste, aber sie ist sicherlich der geschäftigste Mittelpunkt des religiösen Lebens, und man nimmt an, dass es kein Leben gibt, das nicht Religion ist."


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  Wenn ein Jude betet, geht es selten um private Wünsche.
(Foto: epd)