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Regionalbischof Martin Bogdahn hat sein gesamtes Berufsleben der Kirche in der Landeshauptstadt gewidmet

"Wer einmal in München Blut geschleckt hat"

Martin Bogdahn und der Kirchenkreis München: Das war für viele stets eine Einheit. Fast elf Jahre leitete der gebürtige Ostpreuße diesen großen Kirchenkreis, in dem rund 600.000 der 2,75 Millionen bayerischen Protestanten leben. Auch die Landeskirche schuldet dem scheidenden Regionalbischof Dank. Er hat sich auf zahlreichen herausragenden Positionen - ob als Vizepräsident der Landessynode oder als Ständiger Vertreter zweier Landesbischöfe - bewährt. Diesen Sonntag wird Oberkirchenrat Martin Bogdahn (64), der 1990 als achter Kreisdekan das Amt antrat und es am drittlängsten geführt hat, in einem Gottesdienst verabschiedet. Beginn ist um 16 Uhr in der St. Lukaskirche. Anschließend findet ein Empfang im Alten Rathaussaal am Marienplatz statt, zu dem sich fast 800 Gäste angesagt haben. Im nachfolgenden Interview erinnert sich der scheidende evangelische "Oberhirte" auch an nicht ganz leichte Situationen seines fast 40-jährigen Berufslebens.

    Herr Regionalbischof, empfinden Sie Ihren Abschied als eine Zäsur, die über rein Privates hinausgeht?

Der Beginn des Ruhestands zwingt jeden zum Nachdenken, was war und was kommt. Bei mir ist es nicht anders. Im Augenblick überwiegt die Freude über das Kommende. Dass auch für den Kirchenkreis mein Weggang eine Zäsur bedeutet, wird sicher so sein.

    Kein bayerischer Oberkirchenrat war so lange Gemeindepfarrer wie Sie. Zwanzig Jahre waren Sie in Münchner Gemeinden tätig, 18 Jahre haben Sie Münchner Interessen in der Landessynode vertreten. Überwiegt bei Ihnen im Blick auf die kirchliche Situation in München die Freude oder die Sorge?

Dass ich nach München kam und hier geblieben bin, war eher ein Zufall. Nach meiner Promotion in Erlangen schrieb mir der damalige Münchner Dekan Georg Lanzenstiel: "Wer einmal in München Blut geschleckt hat, der kommt zurück." Ich war zuvor Vikar in München gewesen und bin zurückgekehrt und bin gerne in München bis zum heutigen Tag. Ich kann von mir sagen: Ich bin zu einem echten Münchner Protestanten geworden. So liegt mir der Weg unserer Kirche hier besonders am Herzen.

Mit Sorge sehe ich aber, wie mühsam es ist, den Zusammenhalt der Evangelischen in München zu bewahren und zu stärken. Die Strukturreform des Dekanats und das Evangelische München-Programm sind wichtige Beiträge zu einem Neuanfang, die sich aber noch bewähren müssen. Ich bin zuversichtlich, dass sich daraus ein neues Selbstbewusstsein für die Präsenz unserer Kirche in der Großstadt entwickelt.

    Sie haben vor einigen Tagen mit Theologinnen und Theologen, die Sie ordiniert haben, Abschied gefeiert. Was geben Sie diesen jungen Kolleginnen und Kollegen an Erfahrungsschätzen mit auf den Weg?

Ich habe mit den von mir Ordinierten über den Auftrag der Versöhnung gesprochen. Unser Kirchenbild ist das von der "versöhnten Verschiedenheit". In der Verschiedenheit und Eigenwilligkeit sind wir als Protestanten Weltmeister, aber in der Versöhnung, im Finden des gemeinsamen Nenners besteht ein Defizit. Daran müssen wir arbeiten.

    Sie haben jüngere Leute immer gefördert, wem verdanken Sie selbst Ihren Aufstieg?

Das Wort Aufstieg gefällt mir nicht. Ich sage lieber, ich habe als Pfarrer eine bestimmte Aufgabe in der Landeskirche übertragen bekommen. Wenn ich so zurückblicke, fällt mir der damalige 1. Pfarrer an St. Matthäus in München ein, Kirchenrat Hans Wilhelm Schmidt, der mich sehr gefördert hat. Dazu gehört auch mein Professor und Doktorvater Wilfried Joest in Erlangen.

In den späteren Jahren würde ich den ehemaligen Synodalpräsidenten Professor Karl Heinz Schwab nennen, dem ich persönlich viel verdanke. Auch an die gemeinsame Zeit mit Landesbischof Johannes Hanselmann denke ich gerne zurück.

    Nach dem Verständnis der 70er Jahre waren Sie wohl ein linker Theologe. Wie hat Sie Ihr Amt auch nach Ihrer eigenen Beobachtung verändert?

Die Einteilung in rechts und links hat mir nie gefallen, zumal nicht, wenn Pfarrer nach solchen politischen Maßstäben eingeordnet wurden. Mir persönlich lag immer an einer möglichst großen Unabhängigkeit. Das hat sich nach meiner Beobachtung auch durch mein Amt als Kreisdekan/Regionalbischof nicht verändert.

    Aber Sie haben sich im progressiven synodalen Arbeitskreis Offene Kirche engagiert...

Im Urteil der Landeskirche galten die Münchner immer schon als mehr oder weniger progressiv. So ergab sich das Engagement im Arbeitskreis Offene Kirche ganz von selbst. Ich habe es bis zum heutigen Tag als meine Aufgabe angesehen, ein Anwalt für München zu sein und in der Landeskirche um Verständnis für die besondere Situation der Kirche in der Großstadt zu werben.

    Sie wollten neue Akzente setzen, als Sie 1990 Ihr Amt angetreten haben. Eines Ihrer Markenzeichen wurde der harmoniebetonte Führungsstil. Jedenfalls sind Sie selten als Befehlshaber aufgetreten, sondern haben auf geduldiges Argumentieren gesetzt. Das hat manchen nicht gefallen...

Wer die Kirche nur durch Anordnungen und nicht durch Überzeugung leiten will, ist meiner Meinung nach fehl am Platz. Das gilt ganz besonders für personelle Konflikte. Man muss auch sehen: Der Pfarrerberuf ist heute schwieriger geworden, nicht zuletzt, weil der Wunsch der Gremien nach Mitwirkung energischer ist. Früher haben die Gremien oft mit dem Kopf genickt, heute üben sie ein Stück weit auch Macht aus. Damit werden nicht alle Pfarrer in gleicher Weise problemlos fertig.

    Ihre Kandidatur für das Amt des Landesbischofs ist vielen wegen der Dramatik noch in Erinnerung: In mehreren Wahlgängen lagen Sie vorn, sind am Ende aber unterlegen. Wie sehen Sie das heute?

Unmittelbar nach der Bischofswahl habe ich gesagt: Ich sehe den Ausgang der Wahl mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Wichtig war und ist für mich, dass ich mit dem dann gewählten Landesbischof Hermann von Loewenich zu einer sehr guten und freundschaftlichen Zusammenarbeit gefunden habe.

    Ein spektakuläres Ereignis war die Besetzung der Dachauer Versöhnungskirche durch Roma-Flüchtlinge. Was haben Sie persönlich und für das Verhältnis von Kirche und Staat daraus lernen können?

Das war das Schwerste, was ich in meiner ganzen Amtszeit erlebt habe. Nach dem Münchner Kirchentag 1994 wollte eine Gruppe von Roma durch die Besetzung in Dachau ein Bleiberecht erzwingen. Nach zahlreichen Versuchen einer friedlichen Beendigung kam der unausweichliche Zeitpunkt der Räumung, die im Einvernehmen mit dem Innenministerium beschlossen werden musste. Ich wusste als Einziger den genauen Zeitpunkt. Mir war klar, wenn hier Menschenleben zu Schaden kommen, dann wird uns das niemand verzeihen. Gott sei Dank sind die Roma in der betreffenden Nacht dann von sich aus friedlich abgezogen.

Mir hat sich aus dieser Erfahrung auch für spätere Kirchenasylfälle eingeprägt: Wir müssen als Kirche sehr vorsichtig sein mit Hilfszusagen, die wir dann nicht halten können. Es ist besser, sich mit staatlichen Stellen rechtzeitig abzusprechen, um alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Im Notfall müssen wir auch Asylbewerber in ihre Heimat zurückbegleiten und ihnen dort beistehen, wie wir es damals mit elf Roma getan haben. Aus dieser Einsicht wurde die Aktion des Münchner Ausländerbeauftragten Diakon Klentzan geboren, der sich um Flüchtlinge in ihren Ursprungsländern kümmert, was ich sehr gut finde.

    Ein anderes Ereignis, das Ihre Kräfte sehr strapaziert hat, war die Münchner Finanzkrise. Wie stehen Sie heute dazu?

Ich bin froh, dass die Landessynode auf ihrer letzten Tagung in Rothenburg einen Schlussstrich unter die München-Krise gezogen hat. Vor der Synode konnte ich mit Erleichterung feststellen, dass nach Aufarbeitung der Buchungsrückstände im Münchner Kirchengemeindeamt kein Geld fehlt und dass in den kritischen Monaten Anfang 2000 nicht mehr Evangelische in München aus der Kirche ausgetreten sind als sonst auch. Beides habe ich mit großer Erleichterung feststellen können, gerade weil mich die Krise in München auch persönlich sehr belastet hat.

    Der Untersuchungsausschuss der Landessynode hat in seinem Abschlussbericht zur Finanzaffäre Versagen auf allen Ebenen festgestellt. Damit waren auch Sie angesprochen. Sie haben dem Bericht selbst öffentlich nie widersprochen...

Der Ausschuss hat wie gesagt einen Schlussstrich gezogen und dabei auch einige Defizite benannt, wo man in Zukunft auf der Hut sein muss, damit sich eine solche Krise nicht wiederholt. Was meine persönliche Verantwortung betrifft, so war ich enttäuscht, dass Tatbestände, die ich im Anhörungsverfahren zu Protokoll gegeben hatte, im Schlussbericht nicht deutlich genug berücksichtigt wurden. Das habe ich in einem internen Bericht an den Landeskirchenrat noch einmal festgehalten. Für mich selbst zählt am meisten, ob ich ein gutes Gewissen vor Gott haben kann. Und da weiß ich, dass ich mein Amt aufmerksam und gewissenhaft geführt habe und dass ich in dieser Krise getan habe, was ich konnte.

    Sie übergeben Ihrer Nachfolgerin einen Kirchenkreis, der in den letzten Jahren an Umfang deutlich gewachsen ist, in dem das Stadt-Land-Gefälle aber heute vielleicht noch größer ist. Wäre eine Teilung des Kirchenkreises angebracht?

In meiner Zeit wurden fünf neue Dekanate gegründet, das war auch eine große Verwaltungsleistung À weil manche sagen, ich sei in Verwaltungsfragen nicht so engagiert gewesen. Ich will auf diesen Punkt einmal voller Stolz hinweisen, dass es nämlich geglückt ist, diese nicht leichten Dekanatsgründungen über die Bühne zu bringen. Das Stadt-Land-Gefälle zwischen München und Oberbayern war immer schon da; man kann langfristig überlegen, ob man nicht den Stadtbereich zu einem Kirchenkreis ausbaut mit dem Stadtdekan als Regionalbischof, und man könnte mit dem ländlichen Bereich entsprechend verfahren.

Ich hielte diese Regelung für angemessen, sie würde manche Probleme vermeiden. Man würde in München eine hierarchische Ebene wegnehmen, manches würde sich entspannen. Dagegen spricht nur, dass die Landeskirche im Moment wegen einiger Reformvorhaben nicht die Kraft hätte, eine solche Reform durchzusetzen. In fünf bis zehn Jahren könnte dies durchaus das Gebot der Stunde sein.

    Keiner vor Ihnen hat die Kirchenkreis-Landschaft über lange Jahre personal so geprägt wie Sie es getan haben. Keiner hat die Menschen emotional so nah an sich herangelassen. Haben Sie diese Begegnungen selbst auch genossen?

Die Begegnungen waren immer das Schönste in meinem Amt. Ich bin gern ins Oberbayerische hinausgefahren, saß gerne in Bierzelten, habe auch in nichtkirchlichen Menschen interessante Gesprächspartner gefunden, habe mich auch mit den katholischen Pfarrern gut verstanden, kenne viele Abgeordnete, Bürgermeister und Landräte. Es war ein Vergnügen durch und durch. Und ich habe mich gefreut, dass ich dieses schöne Amt in diesem wunderbaren Oberbayern ausüben durfte. Das ist ein Grundgefühl, das mich jetzt voller Dankbarkeit scheiden lässt. Ich könnte ein ganzes Buch schreiben nur mit schönen Erlebnissen.

Fragen: Dieter Kleinepähler


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