ZEITZEICHEN
Von Rainer Golwitzer
"Vorfasten"? Schon mal gehört! Lang ist's her. Früher, bis tief ins 20. Jahrhundert, galt "Vorfasten" als gängiger Begriff. Am Sonntag Septuagesimae, heuer 11. Februar, beginnt die Zeit des "Vorfastens" und setzt sich fort bis Sonntag Sexagesimae, läuft weiter bis Sonntag Estomihi und endet schließlich noch jedesmal mit Faschingsdienstag. Am Aschermittwoch ist dann "alles" vorbei.
Nun weiß ja jedes Kind, wie man "fastet". Man versteckt die Süßigkeiten vor den Geschwistern und sammelt in Kindergarten und Schule für Misereor. Wie man aber "vorfastet"? Soll man schon mal ein bisschen für später üben? Auf Vorrat fasten? Oder den anderen etwas vorfasten? Ein Jammer, dass bekannte Begriffe von einst zunehmend den Glanz der frühen Jahre verlieren.
Ein Jammer auch, dass uns in diesen Tagen, mitten im Februar, schon immer der "Märzen" (oder muss es heißen "Merzen" ?) einfällt, obwohl er noch gar nicht dran ist. An sich spannt ja "im Märzen" der Bauer die Rösslein ein. Jedes Kind weiß das. Was aber niemand so recht weiß, ist, wie man das macht: "Märzen" (oder muss es heißen "Merzen"?) . Andererseits werden wir derzeit dauernd von einem jungen Menschen vornamens Friedrich zum Merzen eingespannt. Er merzt uns ständig etwas vor, was noch gar nicht dran ist. Vor-Merz sozusagen. Vielleicht merzt er ja einfach nur zur Übung oder auf Vorrat. Ob auch mit dem Vormerzen spätestens am (politischen) Aschermittwoch alles vorbei ist? Oder ob danach erst richtig gemerzt wird oder ob es sich dann ausgemerzt oder ausgemerkelt hat? Wer weiß, vielleicht wird zuvor noch gründlich gestoibert.
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