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Moderne Kunst ersetzte ein Jahr ein traditionelles Altarbild in der Münchner Lukaskirche

Wenn vom Altar der Fujiyama grüßt

Von Heinz Brockert

Seit einem Jahr tobt auf den Seiten des Besucherbuches der City-Kirche St. Lukas in München ein Glaubenskrieg. "Was haben diese Werke im Tempel Gottes zu suchen?", fragen die einen. "Danke für das Zeigen neuer Wege!", loben die anderen. Stein des Anstoßes oder Anlass für hymnische Begeisterung ist eine Aktion des Kunstausschusses der Gemeinde, die von der bayerischen Landeskirche unterstützt wird und in der Münchner Kunst-Szene wohlwollende Aufmerksamkeit erzielt hat: Im zweimonatigen Wechsel wurde das traditionelle Altarbild, eine um 1896 gemalte Pietà, von moderner Kunst überdeckt.

Sechs heutige Künstler, allesamt keine typischen Kirchgänger, bekamen den zentralen Ort eines Kirchenraums für ihre eigenen Projektionen vom Gottesgeschehen zur Verfügung gestellt. Eine Zensur fand nicht statt. Eine Findungskommission mit Experten aus Museen, Galerien, Kulturverwaltung, Presse und Kirche wählte die "Platzhalter" für den vom Kreuz abgenommenen Christus aus. Die Augen der Gottesdienstbesucher mussten sich nach und nach an eine voluminöse Sterbeblume, einen Blindenstock, drei Video-Aufnahmen von Japans heiligem Berg, einen sinnlichen Frauenmund, einen großen Spiegel und eine schwarze Spinnenfrau gewöhnen. Jetzt ist der ambitionierte "Spuk" zu Ende und das alte Altarbild wieder enthüllt.

"Unsere Kirche fällt auf jeden Kunstmist rein!", ist im Besucherbuch zu lesen. Und wenige Zeilen darunter das Gegenteil: "Die Altarbilder von St. Lukas bringen mir den Himmel nah!" Pfarrer Traugott Roser vom Förderkreis "kunstbewegt" für zeitgenössische Kunst in Kirchen hat Verständnis für die heftigen Reaktionen: "Die ungewöhnlichen Altarbilder haben den Besuchern den gewohnten Blick und die gewohnte Geborgenheit genommen." Aber wer sich auf die provokanten zeitgenössischen Bilder und Installationen eingelassen habe, habe Schätze von religiösen Empfindungen in sich freilegen können. Traditionelle Kirchenkunst sei doch häufig nur "fromme Tapete".

Hanno Horstmann vom Kunstausschuss der Gemeinde formuliert es im Blick auf die historische Pieta im St. Lukas-Altar noch drastischer: "Egal, welch ein Gottesdienst gefeiert wird, ein besinnlicher oder ein freudevoller, immer hing eine Leiche am Altar." Auch das traditionelle Altarbild gefalle keineswegs allen. Einem besonders zornigen Kritiker der modernen Altarbild-Reihe, der sich über den zeitweiligen Verlust der traditionellen Christus-Darstellung mit den Worten beschwerte: "Ich bin mit diesem Bild groß geworden", habe er geraten, dann doch solange in eine andere Kirche zu gehen, bis die Pietà wieder zu sehen sei.

Der Kirchenvorstand von St. Lukas gab mit einer Enthaltung sein Ja zu dem Experiment. Die rund 60 000 Mark Kosten wurden unter anderem vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, der Kulturstiftung der Sparkasse und dem Kulturreferat der Landeshauptstadt aufgebracht.

Philipp Lachenmann (37), der als freischaffender Künstler in München und New York lebt, gehört zu den sechs Künstlern, die sich in der ungewohnten Umgebung an einem schwierigen Thema versuchen durften. Als er das erste Mal in dem riesigen neu-gotischen Kirchenraum war, seien ihm große Bedenken gekommen: "Alles ist schon belegt. Jedes Motiv fällt sofort in eine Schublade." Schließlich sei ihm klar geworden, dass er "nicht nur alte Inhalte neu belegen" könne, sondern etwas total Neues finden müsse. Lachenmann fuhr nach Japan und filmte von einem fahrenden Boot aus ein Motiv, das einerseits als Postkarten-Idylle verbraucht, aber zugleich ein Symbol menschlicher Sehnsucht nach dem Unergründlichen und Ewigen geblieben ist: den "heiligen Berg" Fujiyama.

"Schade, dass wir Abschied von unseren Gastgeschenken am Altar, diesem besonderen Kommunikationspunkt zwischen Gott und den Menschen, nehmenmüssen", sagt Hanno Horstmann bedauernd. Eines der Altarbilder, die Todesblume Kalla des in Prag geborenen Künstlers Peter Vogt, wird aber auf jeden Fall die Reihe "Altarbild 2000" überleben. Die Kulturstiftung der Sparkasse hat das Gemälde angekauft und dem Lenbachhaus übergeben. Als Leihgabe soll es zeitweise in die Lukaskirche zurückkehren.


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  Ein Symbol menschlicher Sehnsucht nach dem Unergründlichen auf dem Altar der Münchner Lukaskirche: der "heilige Berg" Fujiyama.
(Foto: Topp)