Neues Denken dank BSE-Krise
Kommentar von Lutz Taubert
Wenn es nicht zynisch klänge, könnte man sagen: BSE macht den Kopf frei für neue Gedanken. Die BSE-Krise verlangt geradezu nach Veränderung, nach Wende: nach einer Wende im Lebensstil (des Einzelnen), einer Wende in der Landwirtschaft, einer Politikwende.
Umweltminister Trittin hat in der letzten Woche den Entwurf eines neuen Naturschutzgesetzes vorgelegt, dessen Kühnheit und grundsätzlich neue Ausrichtung nur mit der BSE-Krise zu erklären ist. Trittin will ein Zehntel der Bundesrepublik für Biotope reservieren, damit endlich Biotope untereinander "vernetzt" sind. Ein Tümpel hier, eine Streuwiese dort: Das ist nur punktueller Naturschutz. Erst der Austausch zwischen diesen Biotopen sichert auf Dauer diese natürlichen Lebensräume und die Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren. Wenn der Minister diesen wünschenswerten Biotopverbund im Gesetz festschreibt und damit weit über die Ziele traditioneller Umweltpolitik hinausgeht, dann tut er dies gewissermaßen mit dem Rückenwind der BSE-Krise.
Die BSE-Krise hat dem Umweltpolitiker auch die strengeren Auflagen für die Landwirte in die Gesetzesfeder diktiert. Die von der Regierung angestrebte Wende der Agrarwirtschaft, konkret: die flächenbezogene Tierhaltung sowie die Vermeidung von Mineraldüngern und Pflanzenschutzmitteln, wird nun per Gesetz erzwungen.
Das Umdenken ist auf breiter Front im vollen Gange. Dabei ist dem Bürger schon längst klar, dass die Bauern allein die Schuld an BSE ganz gewiss nicht trifft. Den ökologischen Forderungen stehen ökonomische Zwänge entgegen. Mittlerweile ist es fast schon Allgemeinwissen, dass die Landwirte zu massenhafter und billiger Produktion geradezu gezwungen sind und dass die EU-Subventionen den Strukturwandel genau in die falsche, nicht wünschenswerte Richtung vorantreiben: von überschaubaren kleinbäuerlichen Formen hin zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Verrückt: Die gigantischen Kosten für die europäische Agrarpolitik machen bereits mehr als die Hälfte des EU-Haushaltes aus; diese Milliarden an Finanzmitteln aber verhindern eine umwelt- und sozialverträgliche Landwirtschaft!
Fachleute in kirchlichen Kreisen wie etwa der Agrarsoziale Arbeitskreis der Evangelischen Landjugend in Bayern oder die Konferenz evangelischer Umweltbeauftragten in den bayerischen Kirchenkreisen weisen schon seit langem auf diese fatalen Zusammenhänge hin. Wachsen oder weichen: Das galt bisher, das darf nicht länger gelten für die Landwirtschaft.
Wie viele gefährliche und unappetitliche Umweltskandale -von Tschernobyl bis Flüssigei - haben den Verbraucher schon abstumpfen lassen! BSE ist anders: Wenn nicht alles täuscht, setzt beim Bürger und in der Politik, beim Einzelnen und in der Gesellschaft, tatsächlich ein Umdenken ein. Die Krise ist eine Chance - das ist diesmal keine Floskel, sondern das Gebot einer ernsten Lage.
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