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Protestanten in China

Kirche im heiligen Land der Revolution

Von Karin Vorländer

Heilungswunder lassen die Schar der Gläubigen wachsen: Seit 1997 gibt es in Yan'an, dem ehemaligen Zentrum der maoistischen Revolution, offiziell eine evangelische Gemeinde.

Ende der Ausbaustrecke" bedeutet das Schild 120 Kilometer vor Yan'an. Und das, obwohl Yan'an doch heiliges Land des Kommunismus ist. Denn bei Yan'an im unterentwickelten, unzugänglichen Hinterland verschanzte sich Mao am Ende seines berühmten Langen Marsches mit den Resten der Roten Armee. Unweit von Yan'an lebten Mao Zedong und seine Genossen jahrelang in einfachsten Lehmhöhlen und installierten hier die Zentrale der Kommunistischen Partei und das Hauptquartier der Roten Armee.

Bis vor wenigen Jahren pilgerten Tausende in die Museen, um den Reliquien der roten Revolution zu huldigen. Heute ist der Strom fast versiegt. Was zählt es nach Chinas Öffnung zur Marktwirtschaft schon noch, dass sich "damals in Yan'an die Schöpferkraft der Massen zeigte", und dass die Bauern sich zusammentaten, wo doch heute die kollektive Landwirtschaft als Träumerei von gestern belächelt wird?

Die Tanklaster, die Erdöl ins immer noch unterentwickelte, arme Hinterland nach Norden karren, wirbeln den allgegenwärtigen Lößstaub auf und lassen die atemberaubende Landschaft unter einem gelben Schleier verschwinden. Wenn eine der vielen Baustellenampeln lang genug auf Rot steht, legt sich die Staubwolke und die gewaltigen, von Erosion zerklüfteten, hunderte Meter dicken Lößformationen werden sichtbar.

Endlich windet sich die Straße vom 1300 Meter hohen Lößplateau ins Tal und verläuft parallel zum Flussbett des Yanhe. Der Fluss zerschneidet das heute 220.000 Einwohner zählende Yan'an in zwei Teile: Links, im Schatten der alten Pagode, schmiegen sich noch die traditionellen Lehmhöhlenhäuser in den Berg. Am rechten Flussufer liegt das moderne Yan'an mit Universität und vierzehnstöckigem "Revolving Restaurant". Auch der flache Ziegelsteinbau am Hang, der durch das gut sichtbare weiße Kreuz weithin als Kirche zu erkennen ist, liegt auf Yan'ans "moderner" Seite.

Erst seit 1997 gibt es hier offiziell eine evangelische Gemeinde. "Hier ist das Leben hart", sind sich die vier Frauen aus dem Kirchenvorstand mit Blick auf das rauhe Klima und die schlechte Infrastruktur in Yan'an einig. Um so erstaunlicher, welchen Aufschwung ihre Gemeinde erlebt.

Begonnen hatte alles vor elf Jahren mit einer kleinen Hauskirche, erzählt Schwester Huang, die ehrenamtliche Gemeindeleiterin, deren selbstverständliche Autorität und Würde schon bei der ersten Begegnung auffällt. Einen ordinierten Pfarrer gibt es im weiten Umkreis nicht. Denn Pfarrer sind Mangelware. Auf 10.000 Gläubige kommt im Schnitt ein ordinierter Theologe.

So ist es auf dem Land, wo achtzig Prozent der offiziell registrierten evangelischen 15 Millionen Christen in China leben, fast die Regel, dass "Gerechtigkeitsarbeiter", wie die Laien hier heißen, die Gemeinde leiten. Drei bis vier Tage pro Woche arbeitet Schwester Huan für ihre Gemeinde - unentgeltlich versteht sich. Und wenn es wieder einmal spät geworden ist, rollt sie nachts - zum Leidwesen ihres Mannes - sogar ihre Schlafmatte in der Kirche aus.

Die Ausbildung der Mittfünfzigerin ist für chinesische Verhältnisse fast schon luxuriös: Ein ganzes Jahr konnte die Mutter dreier erwachsener Kinder Kurse in der eine Tagereise weit entfernten Bibelschule in Xian besuchen. Viele ihrer "Kollegen" sind Bauern und können sich nur dann, wenn auf den Feldern nichts zu tun ist, einen vierwöchigen Intensivkurs leisten. Die Studiengebühr haben sich die Frauen der Gemeinde vom Munde abgespart, oder sie haben - genau wie für die Finanzierung der Kirche - auf den Bus verzichtet und kilometerlange Fußmärsche zum Gottesdienst auf sich genommen... Denn Huangs Gemeinde ist arm, und sie besteht zu zwei Dritteln aus Frauen.

Auf die Frage: "Wo sind eigentlich eure Männer?" lachen Huang und ihre "Schwestern": "Männer sind für Religion nicht so schnell zu haben, zu Gottesdiensten kommen aber sogar Studenten, und etliche Männer fangen an, nach Bibeln zu fragen". Da ist es nur gut, dass Bibeln nicht mehr knapp oder unerschwinglich teuer sind: 25 Millionen sind in den letzten Jahren in Nanjing gedruckt und landesweit zum Preis einer Kinokarte verkauft worden. Der Weg zum Glauben aber geht meist über Erfahrungen. Die Verkäuferin Niu Jeng Jing etwa berichtet, dass Gott sie von schrecklichen Gelenkschmerzen befreit habe, nachdem die Ärzte zu teuer waren und auch ein Gebet im buddhistischen Tempel nicht geholfen habe.

80 Prozent aller Neubekehrten auf dem Lande kommen durch Heilungserfahrungen zum Glauben. Und das keineswegs zur Freude der Theologen in den Seminaren von Nanjing, Peking oder Shanghai. Denn dort läuft seit 1998 die vom greisen Altbischof Ting forcierte "Kampagne zum Aufbau des theologischen Denkens". Ting und andere kirchliche Führungskräfte befürchten, dass ihre Kirche den Sprung in die Moderne verpassen und in einem naiven Fundamentalismus verharren könnte. Dass unter Christen auf dem Lande "ein Glaube von minderwertiger Qualität herrscht", gilt bei ihnen als ausgemacht.

Aber das kümmert die Christinnen von Yan'an bislang nicht. Für sie waren andere Probleme vorrangig. Zum Beispiel, dass es für die wachsende Gemeinde keinen geeigneten Versammlungsraum gab. Sie trugen ihr Anliegen beim staatlichen Büro für Religionsangelegenheiten vor - obwohl sie damals noch nicht einmal offiziell registriert worden waren. So schreibt es das neue Religionsgesetz vor, das den Islam, den Buddhismus, den Daoismus und die evangelische und die katholische Konfession als zwei getrennte "Religionen" als die fünf in China legalen Religionen anerkennt. Für den Kauf von Bauland gab es sogar einen staatlichen Kredit.

Für die Parteibeamten zaubern die ansonsten überzeugten Abstinenzlerinnen sogar einen kräftigen Reisschnaps auf den Tisch, nicht ohne zu betonen, wie dankbar sie Gott für die neue Religionsfreiheit sind. Und für auswärtige Gäste der Gemeinde gibt's als Erinnerung an den Besuch in Yan'an eine Mao-Plakette aus dem nahen Revolutionsmuseum.

So haben die Christinnen von Yan'an trotz Verfolgung zur Zeit der Kulturrevolution auch nicht gezögert, ihre Gemeinde staatlich registrieren zu lassen. Die Bedingungen erfüllten sie schon lange: Sie haben eine feste Adresse, einen festen Mitgliederstamm, eine qualifizierte Leitung und geregelte Finanzen. Seitdem fühlen sie sich "auf der sicheren Seite".

Ein ungetrübtes Verhältnis haben die Frauen auch zu ihrer Kirche, der "Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung", deren Embleme sie groß an der Rückwand der Kirche aufgehängt haben. "Patriotisch" hat für sie keinen nationalistischen Beiklang, es bedeute nur, dass sie als Christen ihr Land lieben. Und "Drei-Selbst" steht dafür, dass sie ihren Glauben ohne ausländische Missionare und ohne fremde Finanzen ausbreiten und ihre Kirche unabhängig selbstständig verwalten wollen, erklären sie.

Verständlich werden diese seit 50 Jahren geltenden Prinzipien beim Blick in die Geschichte. Bis 1949 hing die Kirche in China am Tropf ausländischer Missionsgesellschaften und war verdächtig, als unchinesische Fremdreligion im Bund mit den "Imperialisten" zu stehen. Unter dem Druck der Ausweisung aller Missionare entstand die "Patriotische-Drei-Selbst-Kirche", die bis heute um Zusammenarbeit mit dem Staat bemüht ist. Auch wenn sich inzwischen Stimmen mehren, die ein viertes "Selbst", sprich, eine deutlichere Selbständigkeit gegenüber dem Staat fordern.

Aber vorläufig haben die Frauen von Yan'an auch damit kein Problem. Denn sie haben wieder Pläne: Ihre Kirche ist schon wieder zu klein, und einen Kindergarten und ein Altenheim wollen sie auch noch bauen. Ganz selbstständig und Schritt für Schritt. Die frommen Frauen von Yan'an sehen das Ende der Ausbaustrecke eben noch lange nicht erreicht.



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  Schwester Huang leitet die evangelische Gemeinde im Zentrum der maoistischen Revolution.
(Foto: Vorländer)