Christen gegen Gewalt
Kreuze aus Gewehrkugeln
Von Ulla Jaenicke
Die christlichen Kirchen wollen sich in den nächsten zehn Jahren weltweit verstärkt für Gewaltlosigkeit einsetzen. In dieser Absicht eröffnete der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) in Berlin eine internationale "Dekade zur Überwindung von Gewalt".
Ein früherer Kämpfer aus dem liberianischen Bürgerkrieg hat zur Eröffnung der ökumenischen "Dekade zur Überwindung von Gewalt" kleine und große Kreuze nach Berlin mitgebracht. Hergestellt wurden sie aus dem Metall von Patronenhülsen und Gewehrkugeln. Was vorher Leben vernichtete, sichert heute den Lebensunterhalt afrikanischer Familien. Die Kreuze symbolisieren das Ziel der Dekade: Familie, Gesellschaft, Staat und Weltgemeinschaft sollen friedlicher werden.
Getragen wird die Kampagne gegen die Gewalt vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem neben der bayerischen Landeskirche 341 weitere protestantische und orthodoxe Kirchen sowie die anglikanische Kirchen angehören. Sie versprachen in einem festlichen Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, sich für Versöhnung einzusetzen und auf Seiten der Opfer von Gewalt zu stehen. "Wir verpflichten uns, an der Kultur der Gewaltlosigkeit mitzuwirken", sagte der höchste Repräsentant des ÖRK, Katholikos Aram I. von der armenischen apostolischen Kirche im Libanon.
Die Kirchen müssten "Boten des Friedens" werden, forderte der Berliner Bischof Wolfgang Huber im Gottesdienst. Ein ruandischer Pastor ließ die Schrecken des Bürgerkrieges in seinem Land aufleben, als er vom Tod seines Vaters durch die Hand seines besten Freundes berichtete. ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser erinnerte daran, dass die Gewalt nicht nur in den anderen, sondern "in uns allen" stecke.
In Deutschland soll nach Ansicht von Kirchenrepräsentanten der Abbau von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Mittelpunkt der Dekade stehen. Die "zwanghafte Logik" der Gewalt verführe dazu, nur zu reagieren, statt im Vertrauen auf die Kraft der Vergebung den Weg des Friedens zu eröffnen, erklärte Raiser.
Die Gewaltfrage steht auch im Mittelpunkt der Sitzung des ÖRK- Zentralausschusses in Potsdam, in deren Rahmen die Dekade-Eröffnung stattfand. Eine Bemerkung von Aram I., Gewalt als "letztes Mittel" zur Beendigung von schweren Menschenrechtsverletzungen sei zu akzeptieren, rief viel Widerspruch hervor.
Auch fanden es viele der 158 Mitglieder des Zentralausschusses empörend, dass ausgerechnet auf dieser Tagung ein brisantes Papier zum Thema humanitäre Militäreinsätze vorgelegt wurde. Darin wird ebenfalls Gewalt als "letztes Mittel" akzeptiert. "Es gibt keine theologische Rechtfertigung von Gewalt", hielt die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann dagegen. Das Papier wurde eiligst zurückgezogen, noch bevor es offiziell diskutiert wurde. Selbst seine Befürworter fanden das "Timing" nicht gerade geschickt.
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