Die Heiligen Gräber geraten in Israel zum Zankapfel. Liegt in ihnen der Schlüssel zum Frieden?
Orte des Hasses und der Versöhnung
Von Helmut Frank
Das Massaker am Grab Abrahams in der Höhle Machpela in Hebron, die Zerstörung des Josefsgrabes in Nablus, der ewige Streit um den Jerusalemer Tempelberg - der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern geht nicht nur um Land und Wasser, sondern vermehrt um Heilige Stätten, und damit um historische und religiöse Grundlagen. Der dort aufbrechende Fanatismus scheint jede Friedenslösung unmöglich zu machen.
Als im vergangenen Oktober die so genannte zweite Intifada der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten ihren Höhepunkt erreichte, bekam der Aufstand sein Symbol: die palästinensische Flagge auf der Kuppel des legendären Josefsgrabes in Nablus - getragen von einem wütenden Mob. Fernsehbilder zeigten palästinensische Jugendliche und Männer, die mit Spitzhacken, Hämmern und bloßen Händen das altehrwürdige Gebäude zerstören und in Brand setzen.
Die Bilder gingen um die Welt, und sie wirkten von ihrem Symbolgehalt her plötzlich stärker als die sich wiederholenden Filmaufnahmen von Steine werfenden palästinensischen Jugendlichen und schießenden israelischen Soldaten. Bei der Berichterstattung fiel beinahe unter den Tisch, dass bei den vorangegangenen Kämpfen ein israelischer Soldat verblutete. Palästinensische Polizisten der Autonomiebehörde konnten den schwer Verletzten auch zusammen mit den Israelis nicht bergen. Nachdem die Israelis ihre 12-köpfige Besatzung und den Toten evakuieren konnten, begann der Sturm auf das Josefsgrab. Eine neue Dimension der Gewalt: Ging es bei der ersten Intifada noch um den Abzug der Israelis, also um Land und die Selbstverwaltung, so fand die zweite Intifada unter religiösen Vorzeichen statt. Eine unselige Entwicklung, die von israelischer Seite provoziert wurde - durch den Marsch des konservativen Politikers Ariel Sharon auf den Tempelberg, was übrigens mit ausdrücklicher Billigung von Ehud Barak geschah. Der Premier stellte die Aktion unter Polizeischutz.
Der Rückzug der Israelis vom Grab des Patriarchen Josef, Sohn des Jakob, Enkel des Isaak und damit Urenkel des Stammvaters Abraham, ist in Israel umstritten. Im 1995 geschlossenen Interimsvertrag hatten Palästinenser und Israelis vereinbart, dass das Grab - mitten im Palästinensergebiet gelegen - als isolierte jüdische Enklave den Juden zum Gebet offen bleibt. Den radikalen Palästinensern gefiel dies nicht, noch weniger extremistischen jüdischen Siedlern, die eine baldige Einverleibung in den entstehenden Palästinenserstaat befürchteten. Sie verstärkten ihre seit den 70er Jahren währende Präsenz am Grab, was wiederum die Palästinenser als Provokation verstehen mussten.
Schon lange vor den Unruhen liebäugelte die derzeitige israelische Regierung mit einem Rückzug aus der Enklave. Im Vorfeld der Wahlen wurde den Siedlern eine Wiederherstellung des 1995 vereinbarten Zustandes versprochen - was einmal mehr die Konzeptionslosigkeit der Regierung Barak unterstreicht. Die Haltung des konservativen Kandidaten Ariel Sharon scheint eindeutiger zu sein. Gewinnt er an diesem Dienstag die Wahl zum Ministerpräsidenten, will er auf dem Grab sehr bald wieder die israelische Flagge hissen lassen. Ein neuer Konflikt mit den Palästinensern ist damit vorprogrammiert.
Zumindest die muslimischen Palästinenser glauben, dass in dem Grab mit seiner typisch muslimischen Kuppel nicht Josef liegt, sondern der islamische Scheich Jusuf. Nur wenige Tage nach seiner Zerstörung ließ die palästinensische Autonomiebehörde das Grab wieder aufbauen. Als ausschließlich muslimisches Heiligtum, wie nun Araber in Nablus behaupten. Was nun - Scheich oder Erzvater, islamisches oder jüdisches Heiligtum?
Nach dem biblischen Bericht aus Josua 24,32 wurden die Gebeine des in Ägypten verstorbenen Josef auf dem Jakob-Grundstück bei Sichem begraben, was auch in der christlichen Tradition (Apostelgeschichte 7,15) bezeugt wurde. Dass im Johannesevangelium (4,5) von Jakobs Grundstück geredet wird, ohne dass das Grab Josefs zur Sprache kommt, erklärt der renommierte Alttestamentler Joachim Jeremias damit, dass das Grab bis zum 4. Jahrhundert in Händen der von den Juden wenig geliebten Samaritaner war. Dies scheint historisch begründet: Im Bericht eines christlichen Pilgers aus dem Jahr 333 ist von einem samaritanischen "Monumentum" die Rede, Anfang des 5. Jahrhunderts war das Grab dann in christlicher Hand. Die samaritanischen Quellen berichten, Christen hätten versucht, die Gebeine Josefs wegzuschaffen, doch sei der Anschlag durch ein Wunder verhindert worden.
Der geschichtliche Hintergrund: Im Jahr 415 ließ Kaiser Theodosius nach den Gebeinen des Patriarchen suchen. Die Delegation fand zunächst nur einen leeren Sarkophag, unter dem Kenotaph aber tatsächlich ein unberührtes Grab. Am 15. Oktober 415 wurden die Gebeine Josefs feierlich nach Konstantinopel überführt, zugleich wurde über dem Grab eine Kirche errichtet. Reste dieser Kirche hat der Alttestamentler Joachim Jeremias bei einer Forschungsreise Ende September 1957 lokalisiert: rote Säulenreste aus rotem Granit, verstreut in der Umgebung des heutigen Josefsgrabes. Für ihn der Beweis, dass das Josefsgrab von jeher in der Gegend der Heiligen Stätte gesucht wurde.
Ob die Samaritaner selbst die Kirche zerstörten oder die Perser bei ihrer Invasion im Jahr 614, ist nach Jeremias nicht mehr zu erheben. Für Christen ist der Ort auch deshalb interessant, weil auf dem Jakob-Grundstück auch der Jakobsbrunnen stand, an dem Jesus sein Gespräch mit der Samaritanerin (Joh 4) führte. Auch über dem Brunnen wurde später eine Kirche gebaut.
Wesentlich bedeutender als das Grab Josefs ist für gläubige Juden das Grab Rahels vor den Toren Bethlehems - deshalb nicht weniger umkämpft. Kurz vor der Übergabe des Gebietes um das Grab an die palästinensische Autonomiebehörde errichtete das israelische Militär eine hohe Betonmauer um das kleine Grabhaus an der umkämpften Straße zwischen Jerusalem und Hebron. Wie früher das Josefsgrab ist das Rahelgrab eine Enklave, durch einen Korridor mit dem von Israel kontrollierten Stadtgebiet Jerusalems verbunden.
Als im Herbst vergangenen Jahres die Unruhen wieder aufflammten, versuchte das israelische Militär am zeremoniell begangenen Todestag Rahels das Gebäude für jüdische Beter zu sperren. Der Widerstand streng religiöser Juden verhinderte dieses Vorhaben. Zwischenzeitlich erwog das Militär, die Beter mit Panzerwagen zum Grab bringen zu lassen. Weitere Konflikte sind vorprogrammiert: Palästinenser bezeichnen das Rahelgrab seit neuerem als Moschee.
Rahel, Lieblingsfrau Jakobs, Mutter Josefs und Benjamins, wurde nach den Erkenntnissen von Joachim Jeremias unweit Rama, nördlich von Jerusalem begraben. Ihr Gatte Jakob stellte nach 1. Mose 35,20 auf ihrem Grab einen Gedenkstein auf. Erst später wanderte der Verehrungsort südlich nach Bethlehem. Anfang des 4. Jahrhunderts wird ein Grabbau erwähnt, der noch aus jüdischer Zeit stammen muss.
Noch heftiger umkämpft als das Rahelgrab sind seit einigen Jahren die Patriarchen-Gräber in der Höhle Machpela in der Altstadt Hebrons. Die Grabanlage liegt im Brennpunkt des israelisch-palästinensischen Konfliktes, seit der ultraorthodoxe Jude Baruch Goldstein Anfang 1994 ein Massaker an dort betenden Muslimen beging. 29 Menschen starben im Kugelhagel seines Schnellfeuergewehrs, bevor er selbst von der aufgebrachten Menge überwältigt und gelyncht wurde.
Heute ist das Grab Goldsteins selbst zur Wallfahrtsstätte geworden. Dass Goldstein von frommen Juden wie ein Heiliger verehrt wird, zeigt, wie hoffnungslos verfahren die Lage in Israel derzeit ist.
Nach dem 1. Buch des Mose liegen in der Höhle Machpela die drei Stammväter Abraham, Isaak und Jakob sowie ihre Frauen, die drei Stammütter Sara, Rebekka und Lea begraben. Die Überlieferung reicht bis ins zweite vorchristliche Jahrhundert zurück, seit Judas Makkabäus Hebron 164 v. Chr. erobert hatte. Ob damals schon ein Bau über den Gräbern existierte, ist nicht sicher. Erst die frühchristlichen Pilger und der Geschichtsschreiber Josefus sprachen von einem Grab der Kinder Abrahams aus "schönem Marmor". Welche Verehrung man den Gräbern zu Jesu Zeit erwies, zeigte sich in der Gestaltung des Außenbezirkes, der dem Jerusalemer Tempelplatz nachempfunden wurde. Eine Legende besagt, dass auch die elf Jakobssöhne (außer Josef) in dem Grab liegen sollen.
Weil auch die Muslime in Abraham ihren Stammvater sehen, wurde das Grab die längste Zeit als Moschee genutzt. Erst als im 16. Jahrhundert orientalische Juden nach Hebron zurückkamen, bekamen sie ein begrenztes Nutzungsrecht. Sie durften - gegen Bezahlung - lediglich bis zur siebten Stufe der Außentreppe hinaufsteigen.
Im Zuge der zionistischen Bewegung kamen seit Ende des 19. Jh. europäische Juden nach Hebron, das Zusammenleben mit den Arabern gestaltete sich jedoch als schwierig. Bei einem arabischen Aufstand 1929 starben 64 Juden, worauf die britische Mandatsmacht die Gemeinde evakuierte. 1948 öffneten die Jordanier das Grab für alle Religionen, aber erst nach der israelischen Eroberung Hebrons 1967 siedelten sich wieder Juden in Hebron an. Nach 700 Jahren beten wieder Juden neben Moslems in der Grabstätte. Fast könnte man sagen friedlich - bis zu dem Massaker 1994. Danach wurde der Bau über der Grabhöhle in zwei Bereiche geteilt - in einen muslimischen und einen jüdischen Teil. Kameras überwachen seither jede Bewegung der Gläubigen.
Obwohl in Hebron nur wenige hundert jüdische Siedler 10Ô000 Palästinensern gegenüberstehen, wurde die Stadt 1996 nicht dem Autonomiegebiet zugeteilt, sondern dem israelischen Militär unterstellt. Beinahe täglich gibt es seither Zwischenfälle.
Vergleichsweise friedlich geht es am Grab des Propheten Samuel auf einem Berg bei Rama zu. Nach dem biblischen Bericht soll auf der Höhe die legendäre Bundeslade mit den Zehn Geboten auf ihrem Weg in den Jerusalemer Tempel gerastet haben. Von der Bergkuppe aus sollen übrigens die fränkischen Kreuzritter 1099 erstmals die Heilige Stadt ins Blickfeld genommen haben, wovon erst kürzlich entdeckte Festungsreste zeugen. Im Samuelgrab existieren muslimische Moschee und Synagoge friedlich nebeneinander.
Blendet man einmal aus, dass es im israelisch-palästinensischen Konflikt zuallererst um handfeste materielle Interessen wie Landbesitz und Zugang zum knappen Trinkwasser geht, so scheint doch im Streit um die Heiligen Stätten ein Schlüssel zur Befriedung - oder zur weiteren Eskalation - zu liegen. Die Gräber der ehemaligen Führer, Patriarchen oder anderer Identifikationsfiguren legitimieren den Anspruch auf das Land, in dem sie begraben sind. Vielleicht liegt im interreligiösen Dialog an den Heiligen Stätten, an den Gräbern der gemeinsamen Vorfahren die Zukunft des Friedensprozesses. Der Dialog muss schon deshalb geführt werden, weil die Politik den Konflikt auf eine religiöse Ebene hebt.
Schaffen es die abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, sich an den Gräbern ihrer gemeinsamen Väter und Mütter zu versöhnen und gemeinsam zu beten, dann haben Israelis und Palästinenser eine gemeinsame Zukunft.
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