Ausgabe - vom (Datum): 36-07.09.2003
Kirchliche Bibliothekare beklagen mangelnde Unterstützung durch Staat und Kirchen
»Kulturhistorische Substanz kommt unter die Räder«
Kirchliche Bibliothekare fühlen sich von Staat und Kirche zu wenig unterstützt.
Es sei zu befürchten, dass »kulturhistorische Substanz unter die Räder kommt«, sagte der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek München, Hermann Leskien, im oberbayerischen Kloster Benediktbeuern. Die Fachtagung für Bibliothekare aus ganz Deutschland wurde vom evangelischen Verband kirchlich-wissenschaftlicher Bibliotheken und der Arbeitsgemeinschaft Katholisch-Theologischer Bibliotheken organisiert.
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In kirchlichen Bibliotheken schlummern Schätze, die – so klagen kirchliche Bibliothekare
– keiner mehr heben will. Foto: pöp
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Rund 10 Prozent des wissenschaftlichen Buch- und Handschriftenbestandes in Deutschland (rund 17 Millionen Bände) befinden sich in kirchlichen Bibliotheken und Archiven. Pflege und Ergänzung dieser Bestände rutschten aber an den Rand kirchlichen Interesses, wurde geklagt. Angesichts des Rationalisierungsdrucks in den Kirchen sei die Gefahr groß, dass sie ihrer historischen
Rolle als Kulturträger nicht mehr genügend nachkämen, sagte VkwB-Vorsitzender Armin Stephan, Leiter der Bibliothek der Theologischen Hochschule Augustana in Neuendettelsau (Mittelfranken).
Selbst in den Landeskirchenämtern seien Bibliotheken und Archive von Schließung bedroht. Droht – mit anderen Worten – ein großer, geschichtlich gesehen zweiter Traditionsabbruch? Als vor 200 Jahren große Teile des kirchlichen Besitzes vom Staat enteignet (säkularisiert) wurden, wurden Kirchen und Klöster um den allergrößten Teil ihrer Bücher und Handschriften gebracht. »Staatsbibliothekar« Leskien schätzt, dass sich noch ein Viertel bis die Hälfte der damaligen Bestände in staatlichen Bibliotheken befindet, der Rest wurde verramscht, in Papiermühlen zermahlen oder ging verloren. »Legales Raubrittertum« sei das gewesen.Was die Gegenwart betrifft, so klagen die Bibliothekare, dass die heutigen
Menschen das Lesen »verlernen«.
Informations-Fastfood durch elektronische Medien und Internet ist gefragt. Auch kirchenleitende Personen sollen lange nicht mehr in kirchlichen Bibliotheken gesehen worden sein, hat der Kirchenbibliothekar Stephan registriert.Die kirchlichen Bibliotheken wollen die Nöte ihres Arbeitsbereiches »in ökumenischer Gemeinsamkeit« stärker in die Öffentlichkeit tragen, wurde betont. Die Einrichtung eines Bestandskatalogs wissenschaftlich-kirchlicher Bibliotheken im Internet unter www.kivk.de/vthk stehe kurz vor der Vollendung. Direktor Leskien erklärte, kirchliche Bibliotheken hätten »eine wichtige Ergänzungsfunktion zu den staatlichen Bibliotheken«.
Heinz Brockert/sob
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