. . . könnten Sie jetzt bitte aufhören abzuwaschen und sich zu mir setzen, damit wir mit dem Interview beginnen können?
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| Jesus im Haus von Martha (hinten) und Maria (vorn), Tintoretto, 1570-75, Alte Pinakothek in München. Repro: sob

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Martha: Bin gleich fertig, ein Minütchen noch. Darf ich Ihnen einen Kaffee kochen?
Danke, nein. Ich wollte Sie fragen, ob . . .
Martha: Ein bisschen Gebäck? Pflaumenkuchen?
Sehr freundlich, ich habe gerade gegessen. Martha, meinen Sie, dass . . .
Martha: Oh Entschuldigung, da liegt noch die Zeitung von gestern auf dem Tisch.
Das macht doch nichts. Jetzt setzen Sie sich einfach mal ruhig hin und hören mir zu.
Martha: Gerne. Bin schon da (setzt sich). Der Haushalt hält einen ganz schön in Schach . . . aber dafür habt ihr Männer ja kein Gespür. Also: Warum sind Sie noch mal hier?
Ich möchte von Ihnen wissen, was für einen Eindruck Sie von Jesus hatten, als er Sie besucht hat.
Martha: Ehrlich gesagt: keinen guten. Ziemlich unsensibel und undankbar. Jesus setzte sich einfach an den gedeckten Tisch und ließ sich bedienen. Ohne auf mich zu warten, fing er an zu erzählen.
Sie hatten noch zu tun?
Martha: Natürlich! Es begann zu regnen, ich musste die Wäsche abnehmen. Wenn man so einen prominenten Gast zu Hause hat, will man's ihm so schön wie möglich machen! Ich kochte ihm Tee, bot ihm Gebäck an. Er wollte über Nacht bleiben. Also musste ich auch noch das Bett richten. Ich hängte ihm Handtücher ins Bad, putzte das Klo ...
. . . und bekamen gar nicht mit, was Jesus Ihnen zu sagen hatte?
Martha: Wie sollte ich denn? Der wartete ja gar nicht und redete sofort drauf los! Als ob er gar kein Interesse daran hatte, dass ich zuhörte! Ich fand das wirklich unverschämt. Darf ich Ihnen ein Stück Obst anbieten?
Martha! Ich möchte kein Obst, sondern mit Ihnen reden! Setzen Sie sich bitte wieder hin!
Martha: Na, Sie haben ja einen Tonfall! Aber gut, wenn Sie nichts von dem Obst wollen, das ich Ihnen heute früh extra gekauft habe . . .
Es geht nicht darum, dass ich Ihre Gastfreundschaft nicht schätzen würde. Aber es nervt einfach, wenn Sie dauernd aufstehen und mit den Gedanken ganz anders sind als bei unserem Gespräch!
Martha: Sie sind ja genauso unverschämt wie Jesus! Das ist meine Wohnung, und Sie sind mein Gast, verstanden?
Ich wollte Sie nicht beleidigen, Entschuldigung. Danke für das Obst. Wo ist Ihre Schwester eigentlich?
Martha: Maria? Die hab ich zum Markt geschickt. Ich bin ja durchaus lernfähig.
Was haben Sie denn gelernt?
Martha: Maria hat sich einfach zu Jesus gesetzt, während ich noch tausend Sachen zu tun hatte. Hat sich ihm zu Füßen gehockt und zugehört. Faul wie immer. Es hieß, Jesus würde den Menschen ihre schlechten Eigenschaften auf die nette Art vor Augen führen. Aber ihre Faulheit hat er meiner Schwester nicht bewusst gemacht. Er hätte ihr ja mal sagen können, Sie soll mir helfen! Moment mal bitte, das Wasser kocht (steht auf). Stattdessen fällt er mir in den Rücken und meinte, Maria habe »das gute Teil erwählt«, und sie solle bei ihm sitzen bleiben. Von dem Zeitpunkt an hat er sämtliche Sympathien bei mir verspielt. Damit so etwas nicht noch einmal passiert, habe ich sie heute lieber fort geschickt. Also Sie mögen wirklich keinen Tee?
Nein danke. Ich gehe jetzt. Schade, dass wir nicht in Ruhe miteinander reden konnten. Ihre Schwester hätte ich gerne kennen gelernt.
Martha: Sie sind ja genauso wie Jesus, schlagen alle Freundlichkeiten in den Wind. Ich will Ihnen doch nur etwas Gutes tun!n Dann nehmen Sie sich beim nächsten Mal Zeit. Auf Wiedersehen.
Fragen: Uwe Birnstein