Die in den Jahren 2001 und 2002 unter Federführung des Evangelischen Siedlungswerkes (ESW) erarbeiteten Pläne sahen vor, das denkmalgeschützte Archivgebäude in der Nürnberger Veilhofstraße abzureißen und am gleichen Ort Wohnungen zu errichten. Aus dem Erlös durch den Verkauf der Wohnungen sollte – kostenneutral – auf einem benachbarten, derzeit brachliegenden ehemaligen Fabrikgrundstück der Neubau finanziert werden. Wie das Sonntagsblatt erfahren hat, wurden die nötigen Verhandlungen mit der Stadt Nürnberg mit gewissem landeskirchlichen Druck geführt – etwa mit dem dezenten Hinweis darauf, dass auch andere Städte in Bayern ein zentrales Kirchenarchiv gerne in ihren Mauern sähen.
Seit gut einem Jahr nun liegen die Pläne unterschriftsreif im Münchner Landeskirchenamt. »Das Vorhaben ruht derzeit«, bemerkte Finanzreferent Claus Meier vor einigen Wochen am Rande einer Pressekonferenz. Mehr ist von der Kirchenbehörde auch auf Nachfrage nicht zu erfahren.
Die Beteiligten rätseln dieweil über die Gründe für diesen »Tiefschlaf « (Archivdirektor Helmut Baier). ESW-Geschäftsführerin Dagmar Reiß-Fechter vermutet eine »emotionale Problematik« ansichts der alle anderen Themen überlagernden Spardiskussion in der Kirche. Professor Horst Weigelt, als Zweiter Vorsitzender des Vereins für Bayerische Kirchengeschichte mit der Angelegenheit betraut, vermutet, dass in München möglicherweise »die Relevanz eines funktionierenden Archivs« nicht hinreichend gesehen werde. »Dabei besteht ein Archiv ja nicht für ein paar Genealogen, die ihre Urgroßväter suchen«, sagt Weigelt. Neben primär historisch wertvollen Materialien befänden sich dort auch Unterlagen von hoher juristischer Wichtigkeit – etwa in Fragen von komplizierten Baulastverpflichtungen.
Zusammen mit seinen Vorstandskollegen vom Verein für Bayerische Kirchengeschichte hat der Bamberger Kirchenhistoriker eine Eingabe an das Landeskirchenamt erarbeitet, die in der vergangenen Woche an LKA-Leiter Rainer Böttner übergeben wurde. Darin mahnt der Verein nicht nur die Lösung der räumlichen, sondern auch der personellen Probleme in der Veilhofstraße an. Das LKAN ist – verglichen mit Archiven gleicher Größe – chronisch unterbesetzt und verfügt über keine einzige Planstelle für Magazinarbeiter. Dennoch sind auch im aktuellen Sparpaket der Landeskirche Haushaltskürzungen von 100 000 Euro bis 2006 vorgesehen.
Den Ernst der Lage hat auch Archivdirektor Baier im Juli noch einmal in einem Memorandum für das LKA zusammengefasst. Da die angemieteten Außenmagazine inzwischen überfüllt seien, würden derzeit Archivalien in großen Mengen auf den Gängen gelagert. Gesuche, neue Räume anmieten zu dürfen, würden gar nicht beantwortet.
»Wir sehen uns nicht mehr in der Lage, die uns kirchengesetzlich zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen«, schreibt Baier. Bis auf Weiteres werde das LKAN »keinerlei Archivgut, weder Pflichtabgaben noch freiwillige Abgaben noch Notfallabgaben hereinnehmen«. Die Benutzung bestimmter Bestände werde eingeschränkt oder gesperrt.
Das evangelische Gedächtnis Bayerns ist lahm gelegt.
Thomas Greif