Ausgabe - vom (Datum): 32-10.08.2003
Sagen Sie mal, Bruder des verlorenen Sohnes...
...haben Sie inzwischen Frieden mit Ihrem Bruder und Vater finden können?
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 | | Domenico Fetti: Gleichnis vom verlorenen Sohn. Dresden, Gemäldegalerie. Bild: sob

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Bruder: Nein. Die Rückkehr meines Bruders und die Reaktion meines Vaters haben
mir arg zugesetzt.
Aber die Freude Ihres Vaters über die Rückkehr seines verlorenen Sohnes muss Ihnen doch verständlich gewesen sein.
Bruder: Kein Stück. Über mich hat er sich nie so gefreut. Ich war immer da – hab ihm geholfen bei der Feldarbeit, habe ihn nichts gekostet, eher noch sein Einkommen verbessert. Und dann kommt mein kleines, schlampiges Brüderchen zurück, das sich mit seinem Erbteil aus dem Staub gemacht hatte, und wird königlich begrüßt. Keine Vorwürfe, keine Strafe – ein großes Fest hat er bekommen. Für mich hat mein Vater nie so eine Party bezahlt.
etzt machen Sie mal halblang. Sie durften umsonst bei Ihrem Vater wohnen, er hat Ihnen Essen und Taschengeld gegeben.
Bruder: Na toll. Taschengeld. Jeden Monat auf den Schekel genau abgezählt. Und mein Bruder? Hat die dicken Scheine eingesackt und sie in Kneipen und Bordellen verprasst. Sie können es drehen und wenden wie Sie wollen: Das war eine bodenlose Ungerechtigkeit. Jahrelang habe ich mich bemüht, ein guter Sohn zu sein. Mit welchem Ergebnis? Mein Bruder, das schwarze Schaf der Familie, wird hofiert. Und mir wird gesagt: »Nimm's nicht so schwer.« Das habe ich nicht mehr ausgehalten.
Wie darf ich das verstehen?
Bruder: Eine Woche lang habe ich mir das Wiedersehens-Spektakel mitangeschaut. Mein Bruder war zwar reuig – aber musste mir natürlich ausgiebig von seinen Freuden erzählen, die er sich mit seinem Erbe erkauft hatte. Lange Nächte, schöne Frauen, Glanz und Glamour ...
Was ihn im Endeffekt aber nicht wirklich glücklich gemacht
hat.
Bruder: Das war mir egal. Ich wollte plötzlich nicht mehr der brave Bruder sein. Ich wollte auch Spaß am Leben haben. Also bat ich meinen Vater um die Auszahlung meines Erbteils.
Das überrascht mich wirklich. Davon erzählt Lukas in seinem Evangelium nämlich nichts.
Bruder: Warum wohl nicht?!? Ich kann es Ihnen sagen: Er wollte mich seinen Lesern als Nebenfigur präsentieren, der einmal kurz aufmuckt und dann wieder auf Familienlinie einschwenkt
Was anscheinend nicht so war.
Bruder: Nein. Ich bin in die Ferne gezogen und habe mir meinen Teil vom Leben geholt.
Hat's besser geklappt als bei Ihrem Bruder?
Bruder: Natürlich nicht. Wie Sie vermuten, folgte der Absturz. Ich war mein Geld los, hatte keinen Job, musste als Knecht bei den Schweinen hausen ...
... und sind dann zurückgekehrt zu Ihrem Vater?
Bruder: Nein. Dazu war mein Stolz zu ausgeprägt. Ich zog mich in die Einsamkeit zurück, lebte an den Stadtmauern Jerusalems und ernährte mich vom Betteln und von Gelegenheitsjobs.
Sie scheinen ein ziemlich Dickkopf zu sein.
Bruder: Irrtum. Ich halte nur nichts von vorgespielter Harmonie.
Vielen Dank für das Gespräch.
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