Ausgabe - vom (Datum): 31-03.08.2003
Sagen Sie mal, David...
...wollen Sie uns Gott als Oberkontrolletti verkaufen? Ihr Psalm 139 erinnert fatalerweise an George Orwells Roman »1984«, in dem ein »Big Brother« per Videokameras alle Bewegungen und Gedanken seiner Untertanen überwacht!
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 | | Franz von Stuck: Susanna im Bade, 1913, München. Repro: epd

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David: Ich verstehe nicht ganz, was sie meinen.
Sie behaupten, Gott würde alle Wege kennen, alle Worte und Gedanken, es gäbe keinen Ort, an dem er mich nicht beobachten kann!
David: Und? Hab' ich da Ihrer Meinung nach nicht Recht, oder wo ist das Problem?
Das Problem ist, dass ich mich, seit ich Ihren Psalm gelesen habe, unter Dauerstress befinde. Ich fühle mich nirgendwo mehr sicher! Überall muss ich daran danken, dass dieser Gott mich anschaut, mich bewertet, mich verurteilt für das, was gerade nicht so gut klappt.
David: Ah, verstehe. Da liegt offensichtlich ein Missverständnis vor.
Missverständnis? Sie schreiben es doch genau so: »Ich sitze oder stehe, so weißt du es!« steht da, »du siehst alle meine Wege«, selbst in der Finsternis.
David: So weit, so gut. Aber dass Gott Sie für das, was Sie da tun in der Finsternis, verurteilt, habe ich mit keiner Silbe behauptet.
Das geht aber doch eindeutig aus Ihrem Psalm hervor! Ich dagegen brauche einfach meine Rückzugsgebiete, in denen ich mich unbeobachtet weiß. In denen ich denken und tun kann, was ich will. Ohne dass mir mein Gewissen oder ein Obererzieher
da reinredet.
David: Keine Angst, die will Ihnen ja auch keiner nehmen. Das Wunderbare ist ja: Gott beobachtet Sie zwar und kennt Sie quasi wie seine eigene Westentasche. Aber er bewertet nicht das, was Sie tun. Er schaut zu. Ist da als Ansprechpartner. Sie müssen sich nie mehr alleine fühlen. Nie wieder!
Schmarrn. Wenn ich alleine bin, bin ich allein und will es auch sein.
David: Nehmen Sie Gott doch einfach mal als Synonym. Dafür, dass Sie zwar alleine sind, aber dennoch ein Gegenüber haben. Nicht eines, das richtet, sondern das Ihnen hilft, sich selbst zu erkennen. Gott möchte Ihnen Ihr Alleinsein nicht nehmen. Aber er möchte, dass Sie, selbst wenn Sie allein sind, sich nicht verlassen fühlen.
Schwer zu verstehen.
David: Das geb ich zu. Aber versuchen Sie's einfach. Es lohnt sich
Werde ich tun. Vielen Dank für das Gespräch.
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