Ausgabe - vom (Datum): 29-20.07.2003
Sagen Sie mal, Salomo...
... hätten Sie wirklich das Kind mit dem Schwert durchgeschlagen?
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 | | Salomo galt auch in den Augen der Nachbarvölker als weisester Mann seiner Zeit. Salomo in seinem Tempel. Byzantinische Buchmalerei, 11. Jh. Repro: sob

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Salomo: Das darf ich Ihnen nicht sagen, denn die Antwort könnte künftige Urteile zunichte machen.
Versteh ich nicht.
Salomo: Nein? Denken Sie doch mal nach: Meine Methode konnte nur wirken, weil die beiden Streithennen fest davon ausgegangen sind, dass ich das Baby tatsächlich durchgeschnitten hätte. Ich musste Grausamkeit zeigen, damit die Liebe siegt. Hätte die wahre Mutter mir diesen Mord nicht zugetraut, wäre sie nicht aufgeschreckt.
Das klingt tatsächlich ziemlich weise.
Salomo: Das vermag ich nicht zu beurteilen. Die Idee kam mir, als ich die beiden Huren vor meinen Thron treten sah. Sie kamen schweigend herein, und sowie sie vor mir standen, ging das Gekeife los: »Dieses Kind ist meins, dein Sohn ist gestorben!« – „Nein, dieses Kind gehört
mir!« Ätzend. Kindergarten-Niveau.
Sie hätten ja erst mal die Sachlage erkunden können, hätten Zeugen vorladen können und die Geschehnisse rekonstruieren.
Salomo: Dazu war mir meine Zeit ehrlich gesagt zu schade. Vor der Tür warteten bereits die nächsten Ratsuchenden. Außerdem wollte ich diese beiden streitenden Weiber einfach schnell wieder los sein. Also sandte ich ein Stoßgebet in den Himmel. Gott führte mir ein Bild vor Augen: ein Schwert, das Baby – und viel Blut. Danach wusste ich, was zu tun war. Und siehe: Es hat geklappt. Die wahre Mutter schrie, ich solle das Kind leben lassen. Die Lügnerin bat mich, es umzubringen.
Eine schöne Vorstellung, dass sich jeder Richter vor seinem Urteilsspruch Kraft von Gott erbittet.
Salomo: Das kann ich wirklich nur empfehlen. In einem Traum hatte mir Gott die Erfüllung eines Wunsches verheißen.
Traumhaft. Was haben Sie sich gewünscht? Gold? Einen Tempel? Macht?
Salomo: Ach was. Hören Sie auf mit solchen vergänglichen Dingen. Ich habe mir ein weises Herz gewünscht, damit ich gerecht richten kann.
Trotz Ihrer Weisheit haben Sie am Ende Ihrer Amtszeit harsche Kritik einstecken müssen. Sie haben Ihr Herz fremden Göttern zugeneigt, berichtet die Bibel.
Salomo: Sie meinen, auch andere Religionen anzuschauen und zu prüfen, sei nicht weise? Da liegen Sie aber falsch. Schließlich bin ich meinem Glauben nicht untreu geworden. Sondern habe nur unvoreingenommen gesehen, was die nichtjüdischen Menschen so glauben. Eine spannende Exkursion in andere Glaubenswelten. Dass man mir daraus einen Strick gedreht hat, stimmt mich traurig.
Moment, in der Bibel steht, Sie hätten irgendwelchen grausigen Götzen Altäre gebaut.
Salomo: Ja, aber doch nicht, um selbst dort zu beten! Ich hab’s für meine Frauen getan, denn ich wollte ihnen ihren Glauben nicht nehmen. Weise ist, Menschen zu ihren Wurzeln zurückzuführen und sie nicht auf Teufel-komm-raus zu missionieren. Immerhin habe ich den Tempel gebaut, das Heiligtum der Juden bis heute! Mich als Glaubensabtrünnigen darzustellen, ist nichts als üble Nachrede meiner Neider.
Vielen Dank für das Gespräch
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